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(85) 1843 Okt: 20
85. Marx an Ludwig Feuerbach in Bruckberg;
Kreuznach 1843 Oktober 20 [?]
Nach dem unvollständigen Abdruck in: K. Grün, Ludwig Feuerbach in seinem Briefwechsel
und Nachlaß. Leipzig-Heidelberg 1874. I, p. 360—361
Kreuznach, den 20. [?] Oktober 1843,
Hochverehrter Herr! Dr. Ruge hat Ihnen bei seiner
Durchreise vor einigen Monaten unseren Plan, französischdeutsche
Jahrbücher zu edieren, mitgeteilt und zugleich Ihre Mitwirkung
erbeten. Die Sache ist jetzt soweit abgemacht, daß Paris
Druck- und Verlagsort ist und das erste Monatsheft bis Ende ıo
November erscheinen soll.
[ch glaube fast, aus Ihrer Vorrede zur 2. Auflage des „Wesens
des Christentums“ schließen zu können, daß Sie mit einer ausführlicheren
Arbeit über Schelling beschäftigt sind oder
doch manches noch über diesen Windbeutel in petto hätten. Sehen ı5
Sie, das wäre ein herrliches Debut.
Wie geschickt hat Herr Schelling die Franzosen zu ködern gewußt,
vorerst den schwachen eklektischen Cousin; später sogar
den genialen Leroux. Dem Pierre Leroux und seinesgleichen gilt
Schelling nämlich immer noch als der Mann, der an die Stelle zo
des transzendenten Idealismus den vernünftigen Realismus, der an
die Stelle des abstrakten Gedankens den Gedanken mit Fleisch
und Blut, der an die Stelle der F achphilosophie die Weltphilosophie
gesetzt hat! Den französischen Romantikern und
Mystikern ruft er zu: „Ich die Vereinigung von Philosophie und 25
Theologie“, den französischen Materialisten: „Ich die Vereinigung
von Fleisch und Idee“, den französischen Skeptikern: „Ich, der
Zerstörer der Dogmatik“, mit einem Worte: „Ich . . Schelling!“
Sie würden unserem Unternehmen, aber noch mehr der Wahrheit
daher einen großen Dienst leisten, wenn Sie gleich zu dem zo
ersten Hefte eine Charakteristik Schellings lieferten. Sie sind
gerade dazu der Mann, weil Sie der umgekehrte Schelling
3ind. Der— wir dürfen das Gute von unserem Gegner glauben —
leraufrichtigeJugendgedanke Schellings, zu dessen Verwirklichung
er indessen kein Zeug hatte als die Imagination, keine ss
Energie als die Eitelkeit, keinen Treiber als das Opium, kein
Organ als die Irritabilität eines weiblichen Rezeptionsvermögens,
lieser aufrichtige Jugendgedanke Schellings, der bei ihm ein
phantastischer Jugendtraum geblieben ist, er ist Ihnen zur Wahrheit,
zur Wirklichkeit, zu männlichem Ernst geworden. Schelling «
ist daher Ihr antizipiertes Zerrbild, und sobald die
Wirklichkeit dem Zerrbilde gegenübertritt, muß es in Dunst, in
Nebel zerfließen. Ich halte Sie daher für den notwendigen, natürlichen,
also durch Ihre Majestäten, die Natur und die Geschichte,