A. Titel: Berpfligtung zur Leijtung. Vorbemerkungen zu den SS 275— 282. 139
zemeinen Regel eine Gieidhfjtellung von Borfaß und grobem
Berfgulden in diefent Umfange au für das BGB. bejahen zu
müflen, welche® jogar in der Gleichitellung von Fahrläjfigkeit und Vor
Jaß überhaupt (Kennen und Kennenmüffen) das römijche Recht erheblich
überholt Hat. In allen Füllen, in denen ein Schuldner überhaupt noch
für jeinm Verhalten einzujtehen Hat, bildet daher neben VBorjaß auch
grobe Fahrläffigfeit da3Z geringijte Maß feiner Haftung,
Bewuhte Fahriäffigkeit liegt vor, wenn der Täter die Möglichkeit des
(echt8widrigen Erfolgs zwar borausjah, gleichwohl aber in der Hoffnung
auf den Nichteintritt der al möglich vorgeftellten Folge handelte, während
ein im Berkehr mit Anderen gewiffenhafterer Meni in diejem Falle die
Handlung unterlaffen hätte. Diefje it aber FeineSwegS unter allen Umftänden
u grobe FahHrläffigkeit. Ein Arzt z. B., der eine gefährliche Operation
jornimmt, Handelt, obwohl er {ih der Möglichkeit eineS ungünftigen
Ausgang8 bewußt ift, nit einmal unter allen Umftänden überhaupt
jahrläffig, gefhweige denn grobfahrläffig. E83 {ft alfo nit ledigliq das
Bewuhtjein der Möglichkeit der Folgen, jondern der nad Sachlage des
zinzelnen Falles zu mwürdigende, mit diefem Bemwußtjein verbundene
Leidgdtjinn des Wagnifje8, der den Makitab des Verfchuldenz bietet.
Eine bewußte grobe Fahrläjfigkeit mird im gem. Rechte und Strafrecht
al8 luxuria bezeichnet und unterfheidet fiH vom {og. dolus eventualis
(vgl. II, 1, y) lediglich dadurch, daß Täter, wenn auch in leichtfinnigiter
Weife, noch auf das Vermeiden des Erfolge& gerechnet Hat.
Bon der fog. leichten FaHrläifigleit wie au von der groben Fahrlälfigkeit,
weldhe an abftraften Makhjtäben gemejfen werden, unterfchied daz römijche Recht
die Jog. eulpa in concreto, deren Feftftelung ein konkreter (individueller) Mak-
itab, nämlich diejenige Sorgfalt zugrunde gelegt wird, welde der Schuldner in
feinen eigenen Angelegenheiten anzuwenden pflegt (fog. dili-
gentia quam in suis), Auch da3Z BGB. Hat diejfe Schuldart al8 mildere
Daftung für gewifie Bertragaverhältnifje anerkannt, fie findet aber, wie fchon
im römifchen Recht (1. 32 D. depositi 1, 63) ihre @renze an der aroben Fahr-
fäjfigfeit. Bol. $ 277 und 2, b, « a. €.
Abgejehen bon den Fällen der konkreten culpa kommt e8 bei Bemeffung des Berjhuldenz
auf die individuelle Befrhaffenheit der Berjon des SchuldnerZ nicht an, foweit
richt Fehlen oder Minderung der ZurednungsSfähigkeit jelbit in Frage jteht. Val. inshejondere
land S, 73 gegen Tige S. 80. Auch für da BOB. gilt der Sag: imperitia culpae ad-
aumeratur, Val. Mot, II S. 28, Noch weiter al8 Tige geht in der Individyalijierung
aud) der abfirakten culpa Wendt, Archiv f. d. zivilijt. Praxis Bd. 87 S. 422 ff. (habita ratione
temporis, aetatis, sexus, valetudinis), Val. dagegen fhon Tige a. a. DO. S. 80, Die culpa
levis würde Keine abftrakte mehr fein, wenn ihrer Abmeffung die individuelle Leiftungs:
Fähigkeit zugrunde zu legen wäre. Richtig Blume S. 23 ff. Der Schuldrer muß (innerhalb der
Örınzen der ZuredhnungSfähigkeit) haften für den Fehler feiner Individualität. Diefe Haftung
it eine Art SGarantiehaftung. Val. Bem. 3, d oben S. 102. Nur ijt zu beadten, daß,
wenn im einzelnen Falle die Umftände ergeben, daß beim AbfjHluffe des dem Schuldvers
Hältnifje zugrunde liegenden Vertrag3 bejondere Rücjficht auf die dem Gläubiger bekannte
Yndividualität des Schuldrer8 genommen war, Hierin eine ftiljhweigende Modifikation
des nach S 276 zu fordernden Maße3 der Vertretung liegen kann. Vgl. Planck a. a. D.
8, Grade der Haftung in einzelnen Verhältnifjen. Der Regel nad) {ft Vorjag und
Sahrläffigfeit, d. 5. au {don jog. leichte Fahrfäifigleit zu vertreten (8 276 bj. 1),
Die mildere Haftung für bloß konkrete culpa tritt ein in den SS 690 (unentgeltliche
Verwahrung), 708 (Gefellichaft), 1359 (Ehegatten), 1664, 1686 (Verpflidhtungen in Ausübung
elterlicher ®Gemalt) 2131 (Morerbe). Bloß für BoriaB und arobes Berfichulden wird aehaftet
Z