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II. Abihnitt: Schuldverhältnijfe aus Verträgen.
I. Ratio legis und Tragweite der Formborfhrift des $ 313. 4
I. Ratio legis, Der 8 313 bildet eine der wichtigiten Ausnahmen von dem fon!
vom BOB. angenommenen Örundjaße der Zormfreiheit. Zür einen Vertrag, durch Den
N ‚jemand verpflichtet, Grundjtückseigentum oder ein Erbbaurecht zu iüibertragel
obligatorifde Ymmobiliarberänkerungsberträge) wird die qualifizierte Form DC!
gerichtlichen oder notariellen Beurkundung vorgejfchrieben. Die gefebgeberifchen DBewes“
3zründe, Die Sr die Auslegung der Beitimmung in Betracht kommen, find eingehend 1
den in der Lit, Note zitierten Verhandlungen des deutfchen Iuriftentage8 erörtert worden.
Bu den Gründen, die im allgemeinen für die Formalifierung von Rechtsgefchäften 1predden
(vgl. Vorbem. HI S. 204 oben) tritt beim Srundftücksverkehr das Intereljie des Staats an
der be des Orundhelibes, der Seßhaitigkfeit der Bauern und Gutsbefiper hinzu
Die Form fol den Ernit der Vertragichließenden weden und fie vor übereilten Verträge
bie erfahrungsgemäß mündlich oft unter der Einwirkung geiftiger Getränke abgeldloNe*
werden, befchüßen, {ie {ol den Beteiligten eine reiflidhe NeberlegungsSfri ft befchaffer-
Sie {oll jerner den Beweis fidhern und fhmierigen Prozefjen über Die bei miündlicden
Verhandlungen oft zweifelhafte Perfektion des Vertrage3 jowie über den Inhalt Der
Werabredungen, die ein Teil leicht überbüren kant oder nicht richtig veritanden zu hHaber
Gehauptet, vorbeugen. Vgl. u. a. M. Il, 189/190, WB. 1, 460/461, ®. 47, Berhandlungen
de3 28. deutjhen Zuriftentag3 IN S. 26 ff. insbefondere über den Einwand von IreM
und ©lauben dafelbjit S. 39 f. Hervorzuheben ijt, daß Motive und Diskufjfion keine
Bweifel Iaflen, daß man ebenfomohl den Veräußerer, insbefjondere Verkäufer als den
(Erwerber, insbefondere Käufer {Hüßen wollte. Val. jedoch unten 2, B, Abof. 2, C. Durg
den ae aa follenm alle Beteiligten von übereilten Verträgen abgehalten und
Joll zugleich eine @emähr bafır geboten werden, daß der Wille der Vertragjohließende
richtig und vollftändig zum Ausdruck gelangt. (Gleichen Zweck verfolgte u. a. Art. 14
bayr. Not®, vom 10. November 1861; S 313 unterfcheidet Hich von diejem jedoch dadurch
daß nur die Verträge über die Nebertragung von Eigentum und Erbbaureht;
nicht auch die Dofigatorifchen Verträge über andere dinglidhe Rechte an Grundftitclen unttT
den qualifizierten Beurkundungszwang geftellt find, und daß eine Heilung der Nichtt9”
feit zugelaffen wird.)
3. Tragweite der VBorfchrift:
A. Nur der Vertrag, durch den fich der eine Vertragfjchließende zur Nebertragung
des Gigentums an einem ©rundjtück verpflichtet, it an die Formborichrift des $ 313
gebunden, d. h. der obligatorifdhe Beräußerungsvertrag. Zür den dinglichen Yeber‘
tragungSaft find die SS 873, 925 Getr. Auflalung, Eintragung im Grundbuch) maßgeben?;
Mur obligatorifhe Verträge zur Segrindung, Uebertragung oder Belajtung ein c5
andern Necdhte3 an einem Grunditüde G. B. auf eine Verpflichtung zur De
itellung oder Uebertragung einer Hypothek, Grund- oder Renten] duld, eincß
NießbraudHs, Borkaufsrecdht8, einer Nealkaft erftrecdt fih die Vorfeohrift nit
Nach S& 1017 gilt aber die Worfchrüt auch für das Erbbaurecdht, und zwar nicht bLB
für die a eine8 {dhon begründeten, jondern au für die Beitellung
eine3 Erbbhbaurechtes. gl. Bd. II Bem, 1, d zu 81015, ferner Dertmann Bem. 3, ?
zu 8313, Schollmeyer Bem. 1, a zu 8313. A. WM. in der 3. Aufl. (abweichend von De!
1. Mufl.), Blanc Bem. 1 zu 8313, Goldmann=Lilienthal I S. 363 Anm. 6. Planck meint
der 8 1017 gelte nur für das begründete Erbbaurecht; allein der S 1017 jagt {ch lecht“
hin: „Sür das Erbbaurecht gelten die fich auf Orundftücke beziehenden Vorfchriften“ ; 5
entipricht der Augdrucdsmweife des BGB. dies vom Erbbaurecht In abstracto, al8 Recht?
Su jtizdienftlide Rundfebau 1906 S. 33 f.; derjelbe in Bl f. RA. 1906 S, 670 ff.; HamWı
Bericht über den 28. deutjhen Inriftentag in ZBIFS. Bd. 7 S. 296; Jacobi, Der For“
;wang des 8313 vor dem 28. deutjdhen Iuriftentag, Bayr. 3. f. RN. 1906 S. 389 ff.; Mey Ge
dajı 1906 S, 186; Neubeder, BVerpfliGtung zum SGrundeigentumserwerbe, daf. 1906
S. 431 ff.; NheinNZ. Bd. 51 S. 127 (Unterliegt die einfeitige Ankaufsverpflihtung dem FOL
ywange des $ 313 BGB. ?); Reichel, Die Behandlung formnichtiger Verpilihtungsgeihätte
(8 125 BGB.) im Arch. f. d. zivilijt. Praxis Bd. 104 S. 16 ff.; Danz in Iherings SahrD.
Bd. 54 S. 54 f. (Rechtiprehung nad der Boltsanijhauung und nad dem Gefeh); Beetle;
Die falsa demonstrativa bei formbebüirftigen RechtSgejhäften in ruchot, Beitr. Bd. 9
5. 224 fi.z; Gutbrod, Der obligatorijhe SGrundftücsveräukerungSbertrag (BGB. 8 313)
Stuttgart 1904; Kheinftein, Die Rechtiprehung zum $ 313 in Fur. Wichr. 1905 S. 695
Deiniß, Sit eine Nenderung der Formvorichrift des 8 313 Sagl BGB. empfehlenswert
D. Iur.3. 1906 S. 942; Berhandlungen des 26. DeutjdHen IJurijtentagi n
S. 18 ff., II S. 105 ff., III S. 431 ff.; Berhandlungen des 28. DeutfihHen SJurilkten
tag8 III S. 22—70. Val. ferner Stübler in Württemb. Ztichr. f, freim. Gericht3bhark. BD. 7
5.308; WünjgHmann, Kann man fih zum Ermerbe eineS Grunditücs formlos verpflichten
im Sentral-Bl. f. freiw. Gerichtabartk, Bd. 10 S. 15.