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IV. Buch. Nachträge.
deutschen Arbeitercongresses stellte er dann die völlig unhaltbare, von den That
sachen Lügen gestrafte und jetzt selbst bon socialistischer Seite aufgegebene
Theorie auf, es gebe ein ehernes Lohngesetz, welches den durchschnittlichen
Arbeitslohn unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage immer auf das
zum nothwendigen Lebensunterhalt Unentbehrliche reduciré, und in der Schrift
,Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian, oder Kapital und Arbeit'
(Berlin 1864) donnerte er besonders gegen den Unternehmergewinn.
Unter den neuern Theoretikern des Socialismus sind dann besonders
Karl Marx und Friedrich Engels zu nennen, da auf die Utopien der
russischen Nihilisten, der Communisten und der Anarchisten hier nicht weiter
eingegangen werden kann. Karl Marx ist in seinem Werke ,Das Kapital'
(I. Band, 1. Buch, 2. Aufl., Hamburg 1890; II. Band, 2. Buch, 1885;
III. Band, 3. Buch, 1894) so recht der abschließende Theoretiker des Socialis
mus geworden, nachdem er sich schon früher (1847) in der Abhandlung ,Das
Elend der Philosophie' 1 als das documentât hatte, was er auch in .Kapital'
ist, ein Phraseur, der sich mit der galligen Kritik des Bestehenden begnügt,
ohne irgend etwas Greifbares, das an dessen Stelle treten könnte, zu bieten.
Friedrich Engels hat in einem dürftigen Schriftchen * besonders die
Monogamie bekämpft und sie als Quelle der Geldherrschaft, der Ausbeutung
der Armen und als Unterjochung des weiblichen Geschlechts bezeichnet.
Während also die socialistische Doctrin für die ernste Wisienschaft haupt
sächlich nur von pathologischem Interesse ist, verdient die historische Schule
die eingehendste Beachtung. Es ist schon im vorhergehenden Kapitel von den
Principien derselben die Rede gewesen. Hier ist vor allem noch hervorzuheben, daß
ihre Entwicklung je nach den Ländern bis zu einem gewissen Grade verschieden
war. Von dem positivistischen Geiste, von welchem sie in England und in Frank
reich erfüllt ist — in Frankreich fand sie bedeutende Vertreter an Auguste
Comte und an Hippolyte Tain e 3 , der, obgleich vorwiegend Historiker,
» In 2. Auflage erschienen Stuttgart 1892.
2 Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staates. 4. Aust.
Stuttgart 1892.
a Ueber die Stellung dieses Gelehrten siehe den trefflichen Aufsatz von E. Boutmy:
Hippolyte Taine, in den ,Annales de l’École libre des sciences politiques* VIH,
He partie (Paris, janvier-juillet 1898), 199—211. Der Verfasser hebt meisterhaft
hervor, wie der große, wenn auch nicht gläubige, so doch von hoher Bewunderung für
das Christenthum erfüllte Gelehrte, im Widerspruch mit den Deklamatoren der revo
lutionären Phrasen und den Bewunderern der Staatsallmacht, für die Privatinitiative
eintrat: ,11 voulait l’homme debout, fier, entreprenant, capable de se ressaisir et
de rebondir après un échec. Il abhorrait cette puissance anonyme qui prend peu
à peu aux citoyens toute oeuvre des mains, les déshabitue de la responsabilité, le*
supplée dans leurs devoirs, se charge de pratiquer en leur nom et à leurs irai*