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sie geblieben. Diese beginnen unter ihrer Herrschaft sich zu dehnen und
zu recken. Die große Bevölkerungswelle fängt an, sich über sie zu ergießen.
Und jetzt erst in der nach 1870 besonders kräftig einsetzenden Be—
wegung konnte und mußte die Selbstverwaltung zeigen, was sie ver—
mochte. Bis dahin hatte sie sorglich Buch geführt und fast ängstlich mit
ihren Mitteln hausgehalten, damit der Ausgaben ja nicht zu viele würden.
Nun aber sieht sie sich vor eine schier nicht zu bewältigende Fülle
von Aufgaben gestellt: die Notwendigkeit erheischt es, den aus der Erde
wachsenden Häusern einen Bebauungsplan zu weisen, sie an geordnete
Straßen zu führen; enge Fesseln alter Festungswälle müssen fallen,
Vororte entstehen und wollen der kleinen ursprünglichen Stadt durch
Eingemeindung angegliedert sein. Es gilt, die zuströmende Masse durch
Wasserwerke und Gas- und Elektrizitätsanstalten mit gesundem
Wasser, mit Licht zu versorgen. Damil nicht die Zeiten verheerender
mittelalterlicher Seuchen für die dichtgedrüängt wohnende Menge wieder—
kehren, muß die Hygiene sorglich gepflegt werden: Kanalisation,
Straßenreinigung, Entfernung der Abfallstoffe, Anlegung von
Rieselfeldern, von Desinfektionsanstalten werden nötig. Für
die Volksgesundheit wird weiter durch Badeanstalten und städtische
Krankenhäuser gesorgt. Um die Menschenmengen vor schweren Ge—
fahren zu hüten, bedarf es eines wohlorganisierten Feuerlöschwesens.
Der durch die Straßen flutende Bevölkerungsstrom will durch
Straßenbahnen und mancherlei Maßnahmen recht geleitet sein. Riesige
Massen von Nahrungsmitteln braucht der neue Stadtkörper: Marklt—
hallen, Schlachthöfe entstehen. Aber sobald die materiellen Bedingungen
für das äußere Zusammenleben der neuen Volksmenge geregelt sind,
schweift der Blick sogleich weiter zu den Annehmlichkeiten: Garten—
kunst schmückt Straßen und Plätze; Wald- und Parkanlagen werden
errichtet; städtische Baukunst beginnt zu erblühen. Bald verlangt
das geistige Leben seine Pflege: schon seit langen Jahrhunderten haben
die Städte den Volksschulen große Förderung angedeihen lassen; jetzt
wird die Sorge dafür erheblich verstärkt; neue Aufgaben treten in da
GBründung der Fortbil dungs- und Fachschulen, der höheren Schul—
anstalten bis zu den Hochschulen hinzu. Städtische Museen,
Theater, Lesehallen, Bibliotheken werden eröffnet.
Aber je heller und glänzender das Licht in dem Gesamtbilde der
neuen Kultur der Städte wächst, desto schärfer und dunkler fallen auch
die Schatten hinein. Schlimmste Armut, bitterste Not entstehen. Grauen—
haftes Wohnungselend beginut sich breit zu machen. Bald ist es zu
beklagen, daß ganze Volksteile sich in bewußter Abkehr dem neu ge⸗
gründeten Bau des Reichs entfremden. Nun gilt es für die Selbst—
verwaltungen der Städte, erst recht mit verdoppeltem Eifer und Wollen
tätig zu werden und sich den schönen Aufgaben des weiten Gebietes