120 Dreizehntes Buch. Zweites Kapitel.
seit König Wenzel ihrem Verfalle zueilte. Schon in den acht—
ziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurde Polen eingebüßt;
die Stellung im Norden Böhmens, in Thüringen und Sachsen,
in der Lausitz und in Brandenburg ward im zweiten und
dritten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts aufgegeben, Böhmen
war seit etwa 1420 so gut wie verloren, Ungarn seit 1487.
Es ist klar, daß diese Vorgänge den König Sigmund und
nach ihm die Habsburger des 15. Jahrhunderts in ihrer Haus⸗
machtspolitik allmählich, als Träger der deutschen Krone aber
fast von vornherein zur Ohnmacht verdammten.
V.
Nach alledem darf es nicht wundern, wenn Sigmund dem
Reiche nur im ersten Jahrzehnt seiner Regierung hervorragende
Aufmerksamkeit widmete. Das um so weniger, als die Lage
des Reiches selbst wahrlich nicht zur Bethätigung freudiger
Thatkraft einlud.
Sigmund war im Jahre 1414 mit den besten Vorsätzen
ins Reich gezogen. Er wollte seine Größe, seine Einheit. Und
er war klug genug, zu erkennen, daß dies Ziel mit Hilfe der
Fürsten nicht mehr auf anderer als föderativer Grundlage zu
erreichen war. Aber noch schienen ihm immerhin die großen
Städte selbständig und reich genug und die königliche Gewalt
zwar nicht mit Macht, wohl aber mit Rechten genügend aus—
gestattet, um mit bürgerlicher Unterstützung nochmals den Ver—⸗
such einer monarchisch-centralistischen Reform zu wagen.
So machte Sigmund den Städten Anfang des Jahres 1415
Vorschläge zu einem großen Städtebund mit monarchischer
Spitze; ihm schwebte eine Art von städtisch-republikanischem
Deutschland in partibus mit einer Centralgewalt darüber vor.
Allein die Städte versagten sich; sie wollten nicht von ihrer
partikularen und lokalen Selbständigkeit lassen; ihr Blick war
befangen im Horizont ihres Weichbilds. Darauf zog Sigmund
den höheren Adel mit heran; Herren und Städte sollten, zu—
nächst für den unmittelbarsten Staatszweck des Landfriedens,
vier Bezirke im Reiche bilden mit je einem königlichen Ober—
hauptmann an der Spitze. Jetzt lehnten die Städte zwar nicht