718 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
sierung schließlich nur ein Notbehelf, der sich unserer seelischen
Veranlagung, oder auch vielleicht nur einem mit steigenden
Kulturzeitaltern immer mehr gefühlten Bedürfnis der Okonomie
unseres Denkens aufdrängt? Ist sie mit einem Worte nicht
etwas Subjektives, und keineswegs ein Objektives, das den
Dingen als solchen eingeschrieben innewohnt?
Die Geschichte ist ein ewiges Werden, ein einseitiger Ver—
lauf in der Zeit; sie kann niemals einen endgültigen Schluß
haben und hat, betrachten wir es genau, auch keinen proviso—
rischen Abschluß. Was schließt, kann, soweit es sich um die
Ereignisse selbst handelt, wohl die Arbeit eines bestimmten
Volkes an der Geschichte sein; und soweit die Erzählung von
Ereignissen in Betracht kommt, die Arbeit des einzelnen Dar—
stellers.
Der letztere Fall liegt hier vor. Und er soll Veranlassung
geben, in feierlichen Worten eines Schlußwortes von dem Aus—
gange auch nur einer nationalen Geschichte gleichsam als solchem
zu sprechen und rhythmische Werte vielleicht da zu suchen, wo
eine spätere Zeit sie niemals finden wird? Es ist genug an
dem Glauben, den so mancher Philosoph bewußt oder unbewußt
gehabt hat, mit seinem System an das Ende der Zeiten gelangt
zu sein; der Historiker wird sich diesem Irrtum schwerlich hin⸗
geben. Und so würde für ihn eine Schlußübersicht höchstens eine
rein persönliche Angelegenheit sein können.
Indem er sich aber, in dem hier vorliegenden konkreten
Falle, mit diesem Gedanken von seinen Lesern verabschiedet,
beschleicht ihn leise und immer dringlicher, lauter, schließlich un—
abweislich eine ganz andere als eine intellektualistisch⸗begriffliche
Regung. Mit dem Leser fühlt er sich aus den Weiten einer
schier unendlichen Entwicklung zu dieser Scholle der Gegen⸗
wart, diesem zeitlichen Heimatsboden des eben Werdenden und
Gewordenen heimkehrend. Wie anders doch sah die Welt in
unserem Vaterlande aus vor jenen sechzig Generationen, deren
früheste unsere Gedanken hinaufführt bis in den Beginn unserer
besser beglaubigten Geschichte, da Germanen zum ersten Male
vielleicht ihre zottigen Rosse ruhiger weilend im Rheine