thumbs: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

350 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. 
viele der Handwerker noch umherziehende technische Arbeiter, die auf der „Stör“, auf 
dem Lande wie in der Stadt als helsende Glieder für Tage in die Hauswirtschaft kommen, 
bald überwiegen doch die in der Stadt auf dem Markte verkaufenden, in ihrer Werkstatt 
für ihre Kunden arbeitenden Meister; neben dem Lohnwerk treiben sie das Preiswerk, 
verkaufen bestellte Waren an ihre Kunden. Auch so bleiben sie mehr Hülfsorgane der 
örtlichen Hauswirtschaften, die bei ihnen bestellen, als Produzenten für einen größeren 
Markt. Doch fehlt dieser nicht, erst in der näheren, dann in der weiteren Umgebung. 
Große Meister und Händler kaufen zuletzt die Handwerksprodukte für den Fernabsatz; es 
entsteht die Hausindustrie vom 14. 518. Jahrhundert. Aber die Arbeitsteilung wird 
dadurch zunächst meist nicht viel anders. In der Werkstatt findet zwischen Meister, 
Gesellen und Lehrling nur eine geringe Arbeitsteilung statt, jeder erlernt und übt den 
ganzen Beruf. Wo Scheidungen sich nötig machen, vollziehen sie sich so, daß statt des 
einen Schmiedes der Schlosser, der Klein- und der Grobschmied, der Messerer und der 
Harnischmacher entsteht; Bücher nennt das Specialisation der Berufsteilung. Schon 
einer späteren Zeit gehört es an, daß dasselbe Rohprodukt vom Klingenschmied zum 
Härter und von diesem zum Reider oder Fertigmacher geht, daß Spinnen, Weben, 
Färben verschiedene einander in die Hand arbeitende Handwerke werden; Bücher nennt 
das Produktionsteilung. War die handwerksmäßige Berufs- und Arbeitsteilung auch 
schon da und dort durch die höheren Formen, auf die wir gleich kommen, vom 16. Jahr⸗ 
hundert an ersetzt, im ganzen herrschte sie bis 1800, ja in Mitteleuropa bis 1860 
und 1870 vor. 
Die sociale Stellung der Handwerker hing überall an der Schwierigkeit und 
Feinheit ihrer Kunst, an dem Umstand, ob sie zugleich Acker- und Hausbesitzer waren, 
endlich an ihrer Fähigkeit, sich zu organisieren, sich korporative und politische Rechte 
zu erwerben. In Griechenland und Rom erscheinen sie in der Mehrzahl tief herabgedrückt, 
und in den deutschen Städten haben sie sich Achtung, Ansehen, bielsach auch Wohlstand 
errungen, sind bis in unser Jahrhundert die Vertreter des bürgerlichen Nittelftandes 
geblieben. 
Die neuere Entwickelung mit ihrer ganz anderen Technik, ihren großen Verkehrs⸗ 
mitteln, ihrem Kapital, ihrer Organisation des Absatzes durch die Händler auf weite 
Entfernungen hat die gewerbliche Arbeitsteilung gänzlich umgestaltet. Zunächst ist die 
Specialisation der gewerblichen Betriebe außerordentlich gewachsen; teils so, 
daß mehrere verschiedene Betriebe sich in die Fertigstellung dessen für die Märkte teilen, 
was bisher in einem Betriebe angefertigt wurde; teils so, daß das eine Geschäft Vor— 
arbeiten für andere, Maschinen, Halbfabrikate ꝛc. herstellt. Die besondere Herstellung 
von Werkzeugen und Maschinen für spätere Stadien des Produktionsprozesses nennt 
Bücher Arbeilsverschiebung. Am meisten in die Augen springend war aber die Teilung 
der einzelnen Arbeitsoperationen in derselben Werkstatt, derselben Fabrik; Bücher nennt 
diese Art der gewerblichen Arbeitsteilung Arb eitszerlegung. 
Die Scheidung der Betriebe drückt sich am deutlichsten in unserer heutigen Ge— 
werbestatistik aus: die Tabellen des Zollvereins schieden 1861 erst 92 Arten von Hand⸗ 
werks- und 121 von Fabrikbetrieben; die Pariser Gewerbestatistik von 1847. 18 hatte 
schon 325 Arten von Betrieben unterschieden. Die deutsche Gewerbezählung von 1875 
hat 15—1600 Arten von Gewerbebetrieben, und die baherische Publikation fügt allein 
398 Gewerbearten als solche hinzu, die nicht in die gegebene Klassifikation einzureihen 
ihr gelungen sei. Und wenn wir das systematische Verzeichnis der Gewerbearten der 
mit der deutschen Berufszählung von 1882 verbundenen Gewerbezählung ins Auge 
fassen, so sehen wir, daß es 4785 Gewerbebenennungen (ohne Handel und Verkehr) 
umfaßt; von diesen ist ein erheblicher Teil, wenn man die Zahl der Gewerbearten 
lennen lernen will, abzuziehen; jedes Gewerbe, das verschiedene Namen hat, ist mit 
allen seinen Namen aufgeführt; aber mehr als ein Drittel der Zahl durften diese 
Doppelbenennungen keinenfalls ausmachen. Allein die Metallverarbeitung ohne die 
Hutten⸗, Walz⸗ Stahl-⸗ gFrischwerke ohne die Hochöfen- und Hammerwerke, aber ein⸗ 
schlieklich der Maschinen- und Werkzeuginduftue, gliedert sich in 1248 verschiedene
	        
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