Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

543

andern  das  Volk  sich  alljährlich  verständigte,  dieselbe  Anzahl  Heirathen
abzuschliessen,  und  dieselben  in  gleichheitlicher  Weise  unter  die  einzelnen ­
  Provinzen,  unter  Stadt  und  Land,  unter  Junggesellen  ,  Mädchen,
Wittwer  und  Wittwen  zu  vertheilen.  Nach  Spuren  eines  menschlichen
Willens  könnte  man  nur  etwa  in  dieser  sich  gleich  bleibenden  Vertheilung
  suchen;  sicherlich  hat  Niemand  daran  gedacht,  dieselbe  illkürlich
  hervorzurufen.  —  Noch  mehr.  Es  könnte  scheinen,  als  ob  eigene
gesetzliche  Bestimmungen  beständen,  welche  für  die  verschiedenen
Altersclassen  je  nur  eine  bestimmte  Anzahl  von  Ehebündnissen  bewilligten" ­
  (oder  vielmehr;  solche  geböten  und  wie  eine  Steuer  forderten)  ,
,,eine  solche  Regelmässigkeit  herrscht  in  dieser  Beziehung.  .  .  Der  noch
nicht  30  Jahre  alte  Mann,  welcher  eine  Frau  von  60  Jahien  heirathet,
ist  doch  sicherlich  nicht  durch  ein  Verhängniss  oder  eine  blinde  Leidenschaft ­
  getrieben;  er  befindet  sich  im  Falle,  seinen  freien  Willen  im  vollsten ­
  Umfang  anzuwenden.  Und  dennoch  kam  er  dahin,  diesem  andern
Budget,  das  nach  den  Gebräuchen  und  Bedürfnissen  unsers  Gesellschaftsorganismus ­
  geregelt  ist,  seinen  Tribut  zu  entrichten;  und  gerade
diese  budgetmassigen  Steuern  werden  mit  grösserer  Regelmässigkeit
abgetragen,  als  jene,  die  man  an  die  Staatscasse  zu  leisten  hat."  —
Das  von  Quetelet  besonders  er  wähnte  V  erhältniss  ist  aber  um  so  merkwürdiger, ­
  als  es  selbst  in  denjenigen  Jahren  bestätigt  wird,  welche  (z.  B.
in  Folge  von  Theuerung)  eine  Verminderung  der  Heirathen  überhaupt  ergeben. ­
  Gerade  in  solchen  Ausnahmsjahren  hält  sich  die  Zahl  der  anormalen
Eheabschlüsse  nicht  blos  auf  der  gleichen  Höhe  wie  früher,  sondern  sie
scheint  sogar  noch  um  etwas  zu  steigen.  Wenigstens  lässt  solches  das
von  Adolph  Wagner  hervorgehobene  Beispiel  aus  Oesterreich  annehmen.
In  diesem  Staate  betrug  die  Zahl  der  Eheabschlüsse  im  J.  1852  316,800,
wovon  231,900  zwischen  Ledigen  und  85,000  zwischen  Brautleuten,
von  denen  ein  Theil  oder  beide  Theile  verwittwet  waren.  Im  J.  1855
sank  die  Gesammtzahl  der  Heirathen  auf  2  15,000  herab  ;  die  enorme
Verminderung  von  72,000  traf  indess  ausschliesslich  auf  die  Normalehen
(zwischen  Ledigen),  die  auf  156,000  gesunken  waren,  während  sich  die
anormalen  Heirathen  sogar  bis  zu  79,000  vermehrten.  Aber  1852  kostete ­
  der  Metzen  Weizen  nur  3,85  fl  ,  18o5  dagegen  6,04  fl.  österr.  W.
Es  scheint  darin  die  Andeutung  zu  liegen,  dass  gerade  in  schlimmen
Zeiten  die  (schon  einen  stabileren  bürgerlichen  Besitz  geniessenden)  Verwittweten
  mehr  Gelegenheit  zur  Wiederverheirathung  finden  als  sonst.
Manche,  die  sich  ohne  die  Ungunst  der  Zeit  ebenfalls  verheirathet  haben
würden,  und  zwar  mit  bisher  Ledigen,  wählen  nun  —  in  der  Classe  der
Verwittweten  (oder  Geschiedenen).  .
»Man  glaube  nur  nicht«,  fährt  Quetelet,  übereinstimmend  mit  dem
von  uns  bereits  Gesagten  fort,  »dass  die  Heirathen  die  einzige  Abtheilung ­
  gesellschaftlicher  Thatsachen  bilden,  welche  einen  so  regelmässigen
und  stetigen  Gang  aufzuweisen  haben.  Mit  den  Verbrechen  verhält
es  sich  ebenso,  und  sie  ziehen  alljährlich  die  Strafen  im  gleichen  Verhältnisse ­
  nach  sich.  Dieselbe  Gleichmässigkeit  lässt  sich  bei  den  Selbstverstümmelungen ­
  nachweisen,  um  sich  der  Conscription  zu  entziehen  ;
bei  den  Summen,  welche  in  öffentlichen  Spielhäusern  gesetzt  werden ­
  ;  ja  sogar  bei  den  der  Post  übergebenen,  ungenau  oder  unrichtig
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.