Full text : Die Social-Demokratie

Lociale  Bedeuruug  Ser  Relrgion

171

solche  Zustände  nicht  gutheißen,  die  nur  in  zahlreichen  und
bedeutenden  Abstufungen  die  einzelnen  Menschen  an  das  gemeinsame ­
  Ziel  gelangen  lassen,  die  nicht  selten  denjenigen
am  weitesten  davon  entfernt  halten,  welcher  am  eifrigsten  darnach
trachtet.
Der  innere  Zusammenhang  der  Religion  mit  der  Gestaltung ­
  des  socialen  Lebens,  daher  auch  das  Ineinandergreifen ­
  der  socialen  und  religiösen  Frage  wird  deshalb  so
häufig  übersehen,  weil  unsere  Zeit  von  einer  socialen  Beden-  ,
tung  der  Religion  nur  noch  sehr  wenig  zu  wissen  scheint.
So  weit  man  fich  gegen  Religion  überhaupt  heutigen  Tages
noch  tolerant  verhält,  ist  man  allzu  sehr  geneigt,  sie  auf  den
Lebenskreis  des  einzelnen  Individuums  zu  beschränken.  Die
Religion  wird  in  einseitiger  Weise  als  eine  Privatsache  betrachtet. ­
  Daß  aber  keine  menschliche  Gesetzgebung,  sondern
gerade  die  Religion  uns  auch  für  das  Zusammenleben  und
-Wirken  der  Menschen,  also  für  die  Gesellschaft  die  obersten
Principien  geben  muß,  das  bleibt  leider  meist  unbeachtet.
Ich  hätte  das  vollste  Recht  die  bestehende  sociale  Ordnung
als  die  größte  Unordnung  und  Ungerechtigkeit  zu  betrachten,
wenn  dieselbe  auf  keine  andere,  als  bloß  menschliche  Autorität
sich  stützen  könnte,  eine  Autorität,  die  für  mich  nicht  unter
allen  Umständen  maßgebend  sein  kann.  Eine  jede  sociale
Ordnung  muß  als  das  Produkt  der  reinsten  menschlichen
Willkür,  als  ein  Ausfluß  der  jeweiligen  Macht  erscheinen,  so
lange  sie  nicht  im  Stande  ist,  ben  Rachweis  zu  liefern,  daß
ihre  Principien  in  religiösen  iinb  daher  ewigen,  weil  göttlichen ­
  Principien  wurzeln.  Vergißt  die  sociale  Ordnung
ihren  Zusammenhang  mit  den  ewigen  Gottesordnungen,  dann
beraubt  sie  sich  selbst  der  höchsten  Autorität,  die  sie  gegen
Jeden,  der  die  Ordnung  antasten  will,  geltend  machen  kann.
Das  religiöse  Leben  ist  der  Fels,  den  das  sociale  Leben  nicht
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.