362 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat.
fremde Staaten oder eigene Kolonien — um jeden Preis niederzuhalten, z. B. dadurch,
daß sic der Ausfuhr von Kapitalien, Arbeitskräften, Maschinen wehrte.
Es war eine der geistigen Großtaten des jungen Liberalismus (D. Hume,
Ad. Smith), daß er die theoretische Basis dieser Politik der „Kandelseifersucht"
zerstörte, — daß er die Doktrin von der absoluten Disharmonie der wirtschaftlichen
Interessen der Völker verneinte.
„Im Verhältnis, wie die Bewohner eines Landes wohlhabender und geschickter
werden," — heißt es bei Äumc — „steigern sich ihre Bedürfnisse; je mehr sie selbst
produzieren, je größer die Menge austauschfähiger Dinge, die sie hervorbringen, desto
mehr können und werden sie von den Bewohnern anderer Länder kaufen, desto bessere,
kauffähigere Kunden für diese werden. . . . Die nationale Industrie eines Volkes kann
selbst durch den größten Wohlstand seiner Nachbarn keinen Schaden nehmen. . . .
Falls freier Verkehr zwischen ihnen besteht, wird die nationale Industrie einer
jeden Nation durch die zunehmende Kultur aller anderen eine Steigerung erfahren."
„Freimütig will ich gestehen," — so schließt der berühmte Essay über die
„Kandelseifersucht" —, „daß ich nicht nur als Mensch, sondern auch als Engländer
den wirtschaftlichen Fortschritt Deutschlands, Spaniens, Italiens und selbst Frankreichs
— des Feindes — wünschte; England wie alle übrigen Nationen würden blühender sein."
Wenden wir diese Sätze auf die Doktrin von der „rückläufigen Bewegung" an,
deren theoretische Basis genau die gleiche ist, wie die der Politik der „Kandels
eifersucht".
Wenn die Rohstoffstaaten von heute künftig industriell emporkommen, wenn sie
gewisse Fabrikate, die sie jetzt schon produzieren, und andere Fabrikate, die sie heute
noch nicht produzieren, so billig zu erzeugen lernen werden, daß bezüglich jener wie
dieser die Konkurrenzfähigkeit der Industriestaaten aufhört, so muß natürlich in den
betreffenden Exportindustrien Westeuropas eine rückläufige Bewegung sich einstellen,
welche für die Kapitalisten, Unternehmer, Arbeiter, die in ihnen tätig waren, fatal ist.
Nicht aber muß die „Exportindustrie" Westeuropas als ganze zusammenschrumpfen.
Ist auch das Rentabilitätsintereffe gewisser Berufsgruppen durch das Empor
kommen der „Industrie" in den Rohstoffstaaten bedroht, so dagegen nicht, wenigstens
nicht notwendigerweise, das Produktivitätsinteresse der Völker. Im Gegenteil: es
kann sein, daß neue, die Produktivität der nationalen Arbeit hier wie dort steigernde
Beziehungen des Verkehrs, neue Formen der Arbeitsteilung zwischen den einstigen
Rohstoffstaaten und den Industriestaaten sich bilden. Nur eine Verschiebung
innerhalb der „Exportindustrie" der letzteren muß eintreten. Daß ein Rückgang ein
treten werde, ist nichts weniger als gewiß.
Der Grundfehler der Doktrin von der „rückläufigen Bewegung" liegt darin, daß
sie mit dem allgemeinen Begriffe „Exportindustrie", bez. „Industrie" operiert. Ein
Plus an gewissen Industrien in den Rohstoffstaaten wird ein Minus an gewissen
Exportindustrien in den Industriestaaten zum Korrelat haben, aber Wachstum der
„Industrie" dort verträgt sich durchaus nicht nur mit Aufrechterhaltung, sondern sogar
mit Wachstum der „Exportindustrie" hier.
Oft genug schon haben warnende Finger das Mene Tekel an die Wand des
westeuropäischen Industriepalastes geschrieben, — er steht aber noch immer.
Die Industrialisierung der Rohstoffstaaten von einst ist weiter und weiter vor
geschritten. Aber nicht in den „Kongonegern" Engels oder den „Antipoden" Oldenbergs
haben die alten Industriestaaten die Ersatzmänner der ihnen durch jene Entwickelung
verloren gegangenen Abnehmer gewisser Fabrikate sich suchen müssen, —- sie haben sie
vielmehr, großenteils, gefunden in den kaufkräftiger gewordenen Konsumenten der Völker,
deren gewerbliches Emporkommen man in England und Frankreich einst fürchten zu
müssen wähnte, — Deuffchlands, Belgiens, der Schweiz. Die neuen Industriestaaten