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Der Lriede.
(5. August 1905.)
„Er war Journalist und lebte unter
Wilhelm II." Wanderer, wenn Du einmal
solche Inschrift auf einem Grabstein liest, so
ziehe Deinen Hut in Ehrfurcht. Denn unter
dem Fleckchen Erde ruht ein Mann, der im
Schweiße seines Angesichts sein Brot verdient
hat. Seitdem unser Kaiser in den Junitagen
des Dreikaiserjahres den vom totkranken Vater
kaum wieder gewärmten Thron bestieg, ist aus
den Redaktionstuben der letzte Rest altväter
licher Beschaulichkeit gewichen. Selbst in der
Hochsommerglut finden die armen Federfuchser
keine Ruhe mehr. Ruhelos wie Deutschlands
Politik ist auch ihr Leben geworden. Und
keiner von ihnen kann, wenn er in die Ferien
reist, wissen, ob er die fünsundvierzigtägige
Gültigkeit seines Retourbillets auch auszunutzen
vermag.
Nun hat auch das Jahr 1905 seine
Sommersensation. Statt nach den zerklüfteten
Fjorden, die das Nordland der Harald- und
Hakonsöhne ins nördliche Meer treibt, ist dies
mal die Hohenzollernyacht zu den Klippen und
Inseln des finnischen Meerbusens gesteuert
worden. Und von keinem Sterblichen belauscht,
hat der Beherrscher Rußlands mit dem Reprä
sentanten des deutschen Volkes intime Zwie-
sprach gepflogen. Kein Wunder, daß dieses
interessante Geschehnis sofort die allsommerliche,
mit sauren Gurken garnierte Seeschlange aus
den Spalten der Zeitungen vertrieb. Denn
am Meer und in den Bergen wollten die Leser
Die Zwei-
kaiserbegeg-
mmg