thumbs: Gesellschaftslehre

196 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
wiß beruht die Eifersucht, insbesondere die sexuelle Eifersucht, auf 
einem angeborenen Trieb, vermöge dessen sich jeder sein Recht und 
seine ihm zustehende Macht nicht will verkürzen lassen; welches aber 
die Grenzen dieses Rechtes und des ihm Zustehenden sind, das hängt 
von den herrschenden Anschauungen und Verhältnissen ab!). Viel- 
leicht das einleuchtendste Beispiel bildet die Kunst des Zeichnens. Dem 
naiven Denken erscheint das kindliche Zeichnen mit seiner völligen Ver- 
nachlässigung der Regeln der Perspektive als etwas spezifisch Kind- 
liches, das bei größerer Reife von selbst dem „richtigen“, d. h. perspek- 
tivischen Zeichnen Pla machen müsse. Tatsächlich kannten und kennen 
noch heute bei den meisten Völkern auch die Erwachsenen keine voll- 
kommenere Art des Zeichnens. Erst die Griechen des fünften Jahr- 
bunderts v. Chr. und nur sie haben den Fortschritt vom perspektivefreien 
zum perspektivischen Zeichnen vollzogen; also auf einem einmaligen 
geschichtlichen Ereignis beruht es, daß die Kunst der Perspektive der 
Menschheit zu eigen geworden ist. 
Ebenso ist auch das, was wir kindliches Wesen im engeren Sinne 
nennen, mit seiner Regsamkeit, Frische und Empfänglichkeit und seiner 
lebhaften Phantasie ein historisches Gebilde: bei unseren Arbeiter- und 
Bauernkindern fehlt es ebenso wie bei den Kindern der Naturvölker. 
Auch den Mut können wir nicht mehr als eine Eigenschaft ansprechen, 
die dem Menschen überall typischerweise eigen ist. Schwerlich wäre 
sonst die bevorzugte Form des Kampfes bei den primitiven Völkern der 
Überfall, insbesondere der nächtliche Überfall, während der offene 
Kampf nach Möglichkeit vermieden oder, wo er doch stattfindet, schon 
durch geringe Verluste im Sinne einer allgemeinen Flucht entschieden 
wird. Die allgemeine‘ Geister- und Zauberfurcht, die man wohl zur Er- 
klärung heranzieht, würde sich bei ausgesprochener Anlage zum Mut 
kaum in solchem Maße entwickelt haben. Wohl aber stimmt zu unserer 
Annahme die Tatsache, daß der primitive Mensch überhaupt von seinen 
empfangenen Eindrücken sehr abhängig und allgemein von verhältnis- 
mäßig labiler Gemütsverfassung ist. Zu unserer Freude können wir 
ferner feststellen, daß auch die Eigenschaften der Rücksichtslosigkeit 
and des lärmenden Auftretens, der Unhöflichkeit und der Grobheit nicht 
allgemein menschlich sind. Nach übereinstimmender Angabe werden sie 
nämlich durch ihr Gegenteil ersegt bei allen primitiven Völkern, genauer 
gesagt, bei allen Stämmen, die eine genossenschaftliche anstelle einer 
herrschaftlichen Organisation besigen. Es fehlt bei diesen eine soziale 
Schichtung und damit insbesondere eine Abstufung von oben nach un- 
1) Vgl. z. B. für die australischen Eingeborenen Malinowski, The family 
among the Australian aborigines S. 126.
	        
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