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trotzdem Tradition (Aussegnung rc.) und Gesetzgebung (Alimentations
pflicht) wenigstens eine sechswöchentliche freie Zeit nahe legen mußten.
Erfreulich ist es immerhin, daß nach den Beschlüssen des Reichs
tages die deutsche Gesetzgebung die erste sein würde, welche der ver-
h ei ratheten Frau als solcher eine besondere Schutzstellung an
gewiesen hat. Das deutsche Familienleben war stets unser Stolz und
unsere Kraft .... möchte endlich auch unsere Industriellen diesem Ge-
sichtspunkte mehr Rechnung tragen wie bisher, und dem Beispiele der
Fabricanten folgen, welche aus eigener Einsicht und Initiative schon seit
Jahren auf die Beschäftigung verheiratheter Frauen verzichten. Bei
gutem Willen ist es sehr wohl möglich, den jungen Frauen, so lange sie
in der Familie noch nicht voll in Anspruch genommen sind, im Hause
Beschäftigung zu geben.
Gesundung und Festigung des Familienlebens ist die erste Bedingung
aller Social-Reform. Wie ist solche aber möglich, so lange noch viele
Tausende von verheiratheten Frauen tagtäglich 11 und 12 Stunden und
mehr dem häuslichen Heim fern, dem Verdienst in Fabriken nachgehen!
Kann da häusliches Glück und Zufriedenheit blühen? Und kann das viel
leicht das Uebel mindern, daß es sich in bestimmte Bezirke concentrât?
Wurden doch z. B. im Aufsichtsbezirk Bautzen 1884 „gegen 5000Frauen
durch die Fabrication dem Familienleben entzogen". „Eine Gewährung
längerer Mittagspausen für verheirathete Frauen," fügt der Aufsichts
beamte bei, „findet, so weit hierüber Erkundigungen eingezogen werden
konnten, nicht statt."—Ist es Zufall, daß dort, wo die Kinderarbeit
üblich, auch die Arbeit der Mütter häufiger ist? Und muß nicht der
Verdienst des Mannes geringer werden, wenn auch Weib und Kind als
seine Concurrente n auftreten? Und ist es Zufall, wenn gerade in
Sachsen, wo die Frauen- und Kinder-Arbeit in üppiger Blüthe
steht, auch die Social-Demokratie vor allem heimisch ist?!
Haben wir noch ein Recht, den Social-Demokraten zum Vorwurf gü
machen, daß sie auf die Auflösung des Familienlebens hinwirken, wenn
wir die thatsächliche Auflösung der Familie durch die regelmäßige
überlange Fabrikarbeit der Hausfrauen und Mütter gleichgültig nehmen?!
Dürfen wir noch zaudern, an die Gesetzgebung zu appelliren, wo die
Gefahren so dringlich sind? Was wird aus der Jugend und Zukunft
unseres Volkes, wenn solche Verhältnisse „normal" werden sollen? Und
in der That, wenn die Gesetzgebung nicht eingreift, wird die Zahl der
Fabrik-Frauen ebenso wie die der Fabrik-Kinder nicht ab- sondern gw
nehmen. Welche Perspective?!