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gänzung der unzulänglichen eigenen Weizenproduktion eines Theiles
von Südwestdeutschland zu vermitteln und damit es diese erfülle,
muss sich für seine Kaufleute aus der Weizeneinfuhr ein gewisser
durchschnittlicher Gewinn ergeben und die Konkurrenz wird den
Preis im Grossen und Ganzen mit Rücksicht auf diesen erforder
lichen Gewinn regeln. Die ungewöhnlichen örtlichen Preisbewe
gungen, die auf den relativ selbständigen Märkten entstehen, werden
namentlich durch speculative Anhäufung und Zurückhaltung grosser
Lagervorräte oder durch das erzwungene Losschlagen solcher Vor
räte verursacht. Aber auch ein von anderen abweichendes günsti
ges oder ungünstiges Ernteergebniss in dem Bezirke des Handels
platzes kann bedeutende örtliche Preisverschiebungen erzeugen.
Getreide ist immerhin ein schwerbewegliches Massengut und wenn
in einem bestimmten Bereiche eine nicht vorgesehene Lücke in der
Versorgung schnell ausgefüllt werden soll oder ein angesammelter
Vorrat sich als überflüssig erweist, so können solche Conjunkturen
zeitweilig sehr eingreifend auf den örtlichen Markt wirken. Nament
lich wirkt ein ungewöhnlicher Bedarf sehr energisch auf den Preis,
wenn in dem Bezirke eine grosse Stadt zu versorgen ist. Eine
solche Stadt bedingt in dem zu ihr gehörenden Marktbezirke eine
besondere Preisbildung. Denken wir uns z. B. zwei Bezirke von
gleicher Grösse und gleicher Einwohnerzahl, die beide ihren Ge
treidebedarf selbst zu decken vermögen. Aber in dem einen soll
die Bevölkerung in Dörfern und kleinen Städten in ziemlich gleich-
mässiger Verbreitung vertheilt, in dem anderen aber zur Hälfte in
einer grossen Stadt concentriert sein. In dem ersteren wird also
das Getreide ohne erhebliche Transportkosten zu den überall in der
Nähe der Produzenten wohnenden Verzehrern gelangen, in dem
anderen Falle müssen alle Ackerbaugebiete des Bezirkes einen
Theil ihres Getreideertrags an die Stadt abliefern und zwar zu einem
Preise, der auch noch die Transport- und Handelskosten für den
jenigen Theil deckt, der aus der grössten Entfernung zugeführt
wird. Es ist leicht, dieses Schema unter besonderen Annahmen
weiter auszuführen, im Allgemeinen aber darf man schliessen, dass
eine grosse Stadt örtlich einen besonderen vertheuernden Einfluss
auf die Getreidepreise ausübt, und diese Folgerung gilt in noch
weiterer Verallgemeinerung auch für jeden dicht bevölkerten Markt-