Full text: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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III. Buch. Die Vertheilung der Güter. 
unb der jugenblichen Arbeiter herbeigeführte gesetzliche Herabsetzung ber täg 
lichen Arbeitsbauer auf 10 ober 11 Stunden auch zu Gunsten ber Manner 
merkliche Wirkungen geäußert. So hat sich z. B. in Englanb binnen 40 Jahren 
bie Zahl ber Spinbeln unb biejenige ber Arbeiter fast verdoppelt, bie ber 
mechanischen Webstühle mehr als verdoppelt unb bie Ausdehnung ber inbu- 
striellen Etablissements beinahe ben zweifachen Umfang erreicht. Die Nach 
frage nach ber Arbeit erwachsener Männer ist bemnach bebeutenb gestiegen 
unb bereu Lage babnrch in hohem Grabe verbessert worben. Ob sich aber 
eine noch weitere Verbesserung bieser Lage bnrch eine noch weitere Verkürzung 
ber Arbeitsbaner erzielen läßt, unb ob nicht eine berartige Verkürzung eine 
beträchtliche Verminberung ber Güterprobuction nach sich ziehen werbe, bas 
sinb Fragen, bie sich noch immer nicht enbgiltig entscheiben lassen. Man 
kann allerbings behaupten, baß bie Arbeiter ber civilisirten Länber, in benen 
bie Arbeitsdauer eine kurze ist, im ganzen genommen mehr probuciren als bie- 
jenigen ber Gebiete, in welchen eine lange üblich ist 1 . 
Das ist bis zu einer gewissen Grenze unstreitig richtig, soweit es sich 
um freie Arbeiter hanbelt, welche sich zu helfen wissen, Coalitionsrecht be 
sitzen u. s. w. Währenb bie Arbeiter bes 17. unb 18. Jahrhunberts, welche 
1 Vgl. über alle diese Verhältnisse den an bemerkenswerthen Daten reichen Aufsatz 
von Lujo Brentano: Les rapports entre le salaire, la durée du travail et sa 
productivité, in der ,Revue d'économie politique* VII (1893), 273—326. — Ein sehr 
interessantes Beispiel der unter gewissen Umständen durch die Herabsetzung der Arbeits 
zeit erzielten Wirkungen liefern die Vorgänge, welche sich jüngst in der Spitzen- und 
Vorhängefabrik von Arthur Faber zu Lettowitz in Mähren zugetragen haben. Diese 
Fabrik hatte bis zu einem bestimmten Zeitpunkte einen 9'/zstündigen estectiven Arbeits 
tag. Sie führte alsdann für die Arbeit an ihren Vorhängewebstühlen den 8stündigcn 
ein, um ihre zu umfangreich gewordene Production zu beschränken. Was war nun 
das Resultat? Die durch die Reduction der täglichen Arbeitszeit um 1'/, Stunde (im 
Durchschnitte und mit Rücksicht aus den Ausfall der Arbeit an verschiedenen Halb- 
feiertagen u. s. w.) herbeigeführten Lohnverminderungen wurden durch einen Mehr- 
verdienst aus der kürzern Arbeitsleistung mehr als ausgeglichen, und in der Qualität 
unterschieden sich die während der kürzern Arbeitszeit verfertigten Produrle nicht im 
mindesten von den früher erzeugten. Dieses Beispiel zeigt indessen auch, wie sehr man 
sich bei der Beurtheilung der Folgen kürzerer oder längerer Arbeitsdauer vor Ver 
allgemeinerung hüten muß. Es strengten sich die Arbeiter, da ihr Lohn nur 14,17 kr. 
in der Stunde betrug, natürlich auf das äußerste an, um in der kürzern Zeit durch 
intensivere Arbeit wo möglich ebensoviel wie früher zu verdienen, und so brachten sie eo 
denn auf einen Stundenlohn von 18,2 kr. Wenn man einen nicht hohen Lohn bezieht, 
muß man eben alles aufbieten, um eine Verringerung desselben so viel als möglich 
hintan zu halten. Ist es aber gesünder, bei allerdings kürzerer Arbeitsdauer sich abzu 
hetzen, als etwas länger ruhig fort zu arbeiten? Vgl. über diese Vorgänge in der G c 
nannten Fabrik in Lettowitz den Bericht der Brünner Handelskammer über das 
Jahr 1893. Brünn 1894.
	        
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