Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigijähr. Krieges. 411
halte der Konstantinischen Schenkungsurkunde hervor. Und so
fand denn die fränkische Despotie und ihr folgend das deutsche
Reich der Franken und Sachsen des 10. Jahrhunderts und
der folgenden Jahrhunderte die wirkende Kraft des theokrati⸗
schen Gedankens im Besitze eines anderen, als sie, bei steigen⸗
den christlichen Empfindungen der Völker in ihrem Bereiche,
ihrer hätte bedürfen können.
Es war, wenn nicht der nächste Anlaß, so einer der tiefsten
Gründe des hartnäckigen Kampfes zwischen Imperium und
Sacerdotium vom 11. bis zum 14. Jahrhundert.
Gewiß wäre dieser Zwist rascher beendet worden, wäre
der Gedanke von der Notwendigkeit einer christlichen Universal⸗
gewalt früher aus den Köpfen der mittelalterlichen Menschen
verschwunden. Aber eben dies war nicht der Fall. Es gehört
mit zu den wichtigsten Kennzeichen der Gebundenheit des mittel⸗
alterlichen Seelenlebens, daß Gedanken höherer Kultur aus
früheren Zeiten, namentlich den Zeiten des Altertums her, nicht
als Geisteserzeugnisse einer bestimmten Zeit, sondern als stetig
geltende Normen erfaßt wurden: was die Alten gedacht
haben, besteht nicht bloß, sondern muß sein: das ist eine Vor⸗
stellung, die zum großen Teile z. B. auch noch das vollendetste
Denken des Mittelalters in dem ontologischen Irrtum des Nomi⸗
nalismus beherrscht. Indem nun diese Auffassung bestand, ist
die Wirkung der theokratischen und der Universalidee nur sehr
langsam allmählichen Abschwächungen unterlegen und versteht
es sich, daß sie erst mit Anbruch der Neuzeit, im Bereiche eines
ganz anderen, des individualistischen Seelenlebens, wirklich ver—
schwunden ist. Es sind seelische, kulturelle Vorgänge, die
besser als irgendwelche anderen Zusammenhänge zeigen, in wie
hohem Grade der Untergrund der Kämpfe zwischen Kaiser und
Papst spezifisch mittelalterlich charakterisiert ist.
Erscheint aber damit die höchste Diplomatie dieser Zeit
zunächst ihrem wichtigsten Inhalte nach von gebundenem Seelen⸗
leben abhängig, und haben die Ereignisse auf ihrem Gebiete
auf die äußeren Schicksale gerade des deutschen Volkes vielfach
bestimmend eingewirkt, so verlief doch anderseits die staatliche