114
«
4 's
Pfarrer Weidig, über dessen Leben und Schicksale
die Abhandlung Robert SBbim'ö nähere Aufschlüsse giebt, war
unzweifelhaft der bedeutendste Kopf, die Seele der Bewegung
im Hessischen. Die amtlichen Akten der Mainzer „Zentral-Untersuchungs-Kommission"
aus denr Jahre 1838 sagen von
ihm*) :
„Die erste Stelle gebührt dem Pfarrer Friedrich Ludwig
Weidig, welcher im Februar vorigen Jahres im Gefängnisse
zu Darmstadt seinem Leben durch Selbstmord ein
Ende gemacht hat. Er war bei seinem Tode 46 Jahre alt.
In Gießen hat er das Gymnasium und in beit Jahren 1808
bis 1810 die Universität besucht, wurde etwa 1812 in Butzbach
als Lehrer angestellt, zum dortigen Konrektor und später zum
Rektor befördert und im Jahre 1834, in Folge eines gegen
ihn geführten Verfahrens wegen des politischen Einflusses,
den er in der dortigen Gegend ausübte, als Pfarrer nach
Obergleen (ini Kreise Alsfeld) versetzt. Er hat sich etwa
zehn Jahre vor seinem Tode verheirathet und hat eine Wittwe
und zwei Kinder hinterlassen. Er ist von früh an, mit der
ihm eigenen Leidenschaftlichkeit, politischen Richtungen gefolgt,
die, wenn sie auch, was dahingestellt bleiben muß, anfangs
einer aufrichtigen Vaterlandsliebe entsprachen, doch, sobald der
äußere Feind Deutschlands den Angriffspunkt nicht mehr
bot, sich nach Innen warfen und von Jahr zu Jahr mehr,
namentlich aber nach der Julirevolution, jakobinisch. revolutionärer
Natur wurden. Ungewöhnliche geistige Mittel
standen ihm zu Gebote und ihre Bedeutung wuchs durch
eiserne Festigkeit des Charakters und nicht zu ermüdende
Thätigkeit in Verfolgung seiner Zwecke. Alle, die ihm nahe
kamen, wußte er rasch, vorzugsweise aber die Jugend, bis zu
leidenschaftlicher Verehrung für sich einzunehmen. Mit seinen
Schülern unterhielt er noch nach der Konfirmation täglichen
Verkehr: er brachte sie theilweise zu einem, in Rücksicht aus
ihre Verhältnisse, hohen Grade äußerer Bildung. Der
Spritzenmachergesell Zeuner, sein Schüler, hat ein politisches
*) Geschichte der politischen Untersuchungen, welche durch
die neben der Bundesversammlung errichteten Kommissionen, der Zentral-Untersuchungs-Kommission
zu Mainz und der Bundes-Zentral-Behörde
zu Frankfurt, in den Jahren 1819—1827 und 1833—1842 geführt
sind. Von Dr. L. Fr. Ilse. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger
Sohn u. Comp. Ş. 313 ff.