Tugendreich herausgegebenen Standardwerk „Krankheit und soziale
Lage“, Seite 157189, verwiesen; die lauten:
Eingehende Würdigung verdienst zunächst die Arbeit an sich.
Während einerseits ein gewisses Maß körpelicher und geistiger Arbeit
zur vollen Entwicklung ünd Erhaltung der Gesundheit notwendig ist,
machen sich anderseits bei exzessiver Betätigung in jeder der beiden
Richtungen sowie bei Fehlen ausgiebiger Ruhezeiten, tiefgreifende
Störungen geltend. Die körperliche Leistungsfähigkeit hängt zunächst
ab vom Querschnitt der bewegten Muskulatur, von dem Willenimpul—⸗
sen, wodurch der Muskel zur Tätigkeit gereizt wird, dann von der
Energie, mit welcher der auftretende Ermüdungsschmerz überwunden
wird. Dieser Leistungsfähigkeit müssen das Quantum der Arbeit und
die Arbeitsdauer angepaßt sein; die Arbeitsintensität, d. h. das Ver—
hältnis der verausgabten Energie zur Zeitdauer der Verausgabung
darf ein gewisses Maß nicht überschreiten. Darin liegt die Kunst des
Arbeitens, in der Zeiteinheit nicht mehr Energie auszugeben, als der
Organismus ohne Schädigung zu leisten imstande ist (Roth). In
gleicher Weise ift der Rhythmus der Arbeit, das Verhältnis zwischen
Kontraktion des Muskels und Ruhe, von maßgebender Bedentung.
Intensität und Rhythmus müssen unterstützt werden von der UÜbung,
wodurch einerseits die Muskulatur erftarkt, anderseits unnötige Milß—
bewegungen unbeteiligter Muskelgruppen verhindert werden, wodurch
Gehirn, Nerven und Muskulatur in gewisse Bahnen sich einschleifen
und somit eine Arbeitsersparung begünstigen.
Die bewunderungswürdigen Fortschritte der Maschinentechnik,
die Vertiefung unseres Wirtschaftslebens, Konkurrenzmanöver und
Jollpolitik haben Intensität und Rhythmus der Arbeit, gleichzeitig
aber aust damit die Abnützung der menschlichen Arbeitskraft in der
Neugzeit außerordentlich gesteigert. Beide Fakloren hängen — außer
in den kleinen Handwerksbetrieben — jetzt meist nicht mehr von dem
Willen des Arbeiters ab, sondern von Akkord und Maschine; diese be⸗
stimmen die Größe des Kraftaufwandes, die Raschheit der Bewegun⸗
zen, die Ruhezeit und Arbeitsdauer (Roth). Damit verursachen sie
aber auch den vorzeitigen Aufbrauch der Körperenergie, also den Zu⸗
stand der Ermüdung. Die Leistung wird kleiner, der Willensimpuls
zur weiteren Tätigkeit immer mühevoller, andere Muskelgruppen
greifen mit ein; Zittern, Schwitzen mit Rötung des Gesichtes schließ⸗
lich heftiger Schmerz sind die äußeren Zeichen der Ermüdung, welcher
bei weiterer forcierter Arbeit die Erschoͤpfung folgt. Von der primär
befallenen Muskelgruppe greift sie auf entferntere Muskelgruppen
über, dann auf das Zentralnervensystemn. In derselben Weise erfolgt
bei geistiger Arbeit die Ermüdung nicht nur der nervösen Elemente,
sondern auch des ganzen Körpers mit Einschluß der Muskulatur.