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neuen Bedingungen anpassen oder ihnen in verschiedenem
Grade ausgesetzt sind, eine weitgehende und fast beispiel
lose Ungleichheit entsteht, so daß Seite an Seite mit Män
nern und Frauen, die sich rasch angepaßt haben oder so
erfolgreich dem neuen Wissens- und Lebenstatsachen an
zupassen suchen, daß sie in geordneten Gesellschaftszu
ständen der Zukunft vielleicht kaum antiquiert erscheinen
würden, sich Männer und Frauen finden, die sich mit ihren
sozialen, religiösen und ethischen Idealen noch in Har
monie mit den fernen Ahnen des Menschengeschlechtes
fänden. Und zwischen diesen extremen Gruppen steht die
große Masse in einem Zwischenstadium der Entwicklung.
Diese Verschiedenheit muß Reibungen und Leiden im Zu
sammenleben der Glieder der Gesellschaft herbeiführen,
besonders da die einzelnen Individuen der verschiedenen
Typen nicht in Klassen und Familien getrennt, sondern
in allen Klassen und Schichten unserer Gesellschaft zer
streut sind.*
Personen, die durch die engsten Bande des Blutes und
gesellschaftliche Berührung zu fortwährendem Verkehr ge
zwungen sind, sind oft am weitesten in ihrer Anpassungs
stufe an die neuen Lebensverhältnisse voneinander ver
schieden, und die sozialen Reibungen und daraus folgen
den Leiden, die aus dieser Tatsache erwachsen, sind so
empfindlich und fast unberechenbar, daß es kaum möglich
ist, in trockenen Theorien ein Bild davon zu geben, son
dern nur durch das Medium der Kunst, wo bestimmte kon
krete Individuen handelnd und aufeinander einwirkend ge
zeigt werden, im Drama oder im Roman. Wir sind wie
Schachfiguren, die nicht nach Bauern, Königen und Köni
ginnen, Läufern und Türmen geordnet, sondern in einer
* In bezug auf die Anschauungen über die Stellung des weiblichen
Geschlechtes war eine der fortgeschrittensten Frauen, der wir je be
gegnet sind, eine Schustersfrau in Yorkhampshire, die sich ihren Unter
halt mit dem Nähen von Schuhoberteilen verdiente.