Object : Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

War sie ein Segen der deutschen Entwickelung in gleicher
Weise? Die Frage ist mit den gegebenen Ausführungen schon
teilweis beantwortet. Der äußere Friede der Nation ist ge—
sichert gewesen, solange das Römische Reich in voller Kraft
seiner Teile zusammenhielt. Für die innere Entwickelung da⸗
gegen sind neben vielen erfreulichen auch schädliche Folgen nicht
zu verkennen. Hier sei nur eines, schon früh wichtig werdenden
Zusammenhangs gedacht.
Das ostfränkisch-deutsche Reich war über die Stämme hin—
weg begründet worden durch Ausstattung der Centralgewalt mit
Karlingischen, halb universal gedachten Verfassungseinrichtungen.
Die Verfassung bot ein System dar, das sozusagen halb in der
Luft schwebte und sich nicht unmittelbar und sicher auf Wirklich—
keiten bezog, ähnlich etwa wie die heutigen konstitutionellen Ver—
fassungen der Balkanvölker oder Japans. Diese Konstruktion
wurde niemals durch die Einwirkungen großen nationalen Un—
glückes, äußerer reinigender Niederlagen stark verändert, geläutert
und verbessert. Die Folge, unter der wir noch heute leiden,
war, daß der Nation der Sinn für die richtige Abmessung der
Staatseinrichtungen auf das Thatsächliche, die staatsmännische
Begabung, verloren ging. Die Führung der öffentlichen An—
gelegenheiten wurde deshalb nicht realistisch, sondern romantisch
betrieben, vorzüglich in den Blütezeiten des Reiches.
Es ist der Charakter, den die Politik fast aller unserer
Kaiser, von Heinrich III. bis Friedrich II. und weiter, atmet.
Darum gab es viel äußeres staatliches Leben in Friede und
Krieg, aber wenig Gesetzgebung, viel reiche Zeiten poetischen
Glanzes, aber keine langsam reifenden Perioden monarchischen
Fortschritts, viel große Erfolge, aber wenig Errungenschaften.
Vor allem aber wurde unter diesen Umständen die monarchische
Gewalt nicht mit den Mitteln einer intensiven, allgegenwärtigen
Einwirkung auf die Nation ausgestattet, die allein sie in den
Stand gesetzt haben würden, in jenem furchtbaren Kampf mit
der Kirche und der steigenden Frömmigkeit der Völker obzusiegen,
der schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts drohend
emporstieg.
            
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