Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 209
hunderts mit allen ihren Konsequenzen war damit durchlaufen;
die Welt mußte neue Pfade des Fortschrittes suchen.
Waren das Empfindungen, die sich in Frankreich seit der
Mitte des 18. Jahrhunderts dunkel zu regen begannen, so hat
in Deutschland das Rokoko noch bis etwa zum Jahre 1770
vielfach lustig forte und ausgeblüht. Sehr natürlich: es ist
auf deutschem Boden nicht erstanden; es beruhte auf französischer
Einfuhr; und so überdauerten seine letzten Stadien die fran—
zösische Entwicklung um etwa zwei Jahrzehnte.
III.
1. Die französische Einwirkung auf Deutschland beginnt
auf dem Gebiete der Architektur, zum Teil infolge der Ein—
wanderung von Refugiss, schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts.
Doch war es wesentlich erst der Stil der Regentschaft und der
noch spätere Ludwigs XV., der jenseits der Vogesen Fuß
faßte. Und diese Stile wiederum wurden der Hauptsache
nach, entsprechend ihrem inneren Charakter, nur für Profan—
architektur verwandt, während der Kirchenbau, der übrigens
seit etwa 1740 viel an Bedeutung verlor, im ganzen barocken
Elementen treu blieb. Eine große Ausnahme wäre hier freilich
zu nennen: die lutherische Frauenkirche zu Dresden mit ihrer
prächtigen Kuppel, die der Ratszimmermeister Georg Bähr in
derselben Zeit etwa, da die barocke katholische Hofkirche (1738
bis 1754) entstand, nämlich in den Jahren 1726- 1740, erbaut
hat: doch bedeutet sie eben eine Leistung für sich, deren Grund⸗
lagen wohl mindestens ebensosehr in den Traditionen der in
Norddeutschland aufgenommenen holländischen Renaissance wie
in der allgemeinen Neigung für die einfacheren Bauformen des
Rokokos zu suchen sind.
Im Profanbau trat der Palastbau für die vielen großen
und kleinen Fürsten des deutschen Landes, daneben, namentlich
in Osterreich, auch für den Adel durchaus in den Vordergrund.
Und hier siegte nun der neuere französische, horizontal gerichtete
Landtypus im allgemeinen durchaus über die geschlossene
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 14