schaften und Organe der öffentlichen Sicherheit gewaltig, schränkte die Aus-
gabe von Papiergeld ein und sorgte mit kühnen Steuern für die Gesundung
des Reichshaushalts. Aber ich mußte gegen die extremsten Elemente kämpfen,
und unter den Aufgeregtesten waren die Anhänger des Fascismus.
Mussolini übte als Revolutionär auftretend eine große Anziehungskraft
aus. Wenn die Sozialisten ihrerseits ihn verleugneten, weil er sıe verlassen
hatte, schmähte er sie seinerseits wegen ihrer Inkonsequenz. Seine kommu-
nistische Herkunft veranlaßte ihn zur Abneigung gegen liberale und demo-
kratische Einrichtungen; sein revolutionäres Temperament führte ihn bis zur
Verherrlichung der Gewalt. Gleichzeitig erfüllte ihn seine Zustimmung zum
Krieg und seine Beteiligung daran mit einem übertriebenen nationalen Stolz,
| der stark im Gegensatz stand zu seiner oft vulgären und niedrigen Redeweise,
wie sie von vielen Sozialisten nach dem Kriege gebraucht wurde. (Auch wer
den Frieden liebte, konnte den Ekel nicht unterdrücken über die Verherr-
lichung der feigen Desertation in den niederen sozialistischen Kreisen nach
dem Kriege.) Man muß erkennen, daß auch bei dem Parteiwechsel Mussolinis
seine N eigung zur Gewalt gegenüber allen Klassen der Gesellschaft die gleiche
| blieb. Er hätte für den Sozialismus das tun wollen, was er unter dem Zwang der
Ereignisse später gegen ihn tun mußte. Ich schließe nicht aus, daß in seinem
/ Innern noch die Sehnsucht nach den alten Idealen und die Abneigung gegen
seine früheren Genossen wach sei, die er räudige Schafe nannte, weil sie ihm
nicht hatten folgen wollen. Mussolini muß man nicht nach seinen Ideen be-
ı urteilen, die sich oft gewandelt haben und wahrscheinlich noch oft wandeln
werden, sondern als ein Eroberer-Temperament und einen unzähmbaren und
heftigen Abenteurergeist. Seine Bewunderung für den russischen Bolschewis-
mus, dessen Methoden er oft befolgt, ist aufrichtig, weil sie aus derselben
Auffassung der Gewalt stammt. Mussolini hat aber nie das Vorbild der eng-
lischen Demokratie aufrichtig geliebt, das auf Freiheit und Ordnung beruht.
Die Sozialisten machten sich selbst Mussolini allmählich zum Feinde durch
die maßlosen Reden, die sie gegen ihn führten, auch als er ihren Grundsätzen
und ihrer Handlungsweise zustimmte. Anfangs, nach dem Ausbruch des Kon-
flikts und nachdem der Fascismus sich zu bewaffneten Scharen geordnet
hatte, war er eine revolutionäre Erhebung gegen den Sozialismus ; später
wurde er einfach eine anti-sozialistische Bewegung. Die Industriellen, die
zu dem Staat kein Vertrauen hatten, die Landwirte, die alle ihre Vorrechte,
selbst die unbilligen, behalten wollten, die Kaufleute, die fast überall von der
Ausbreitung der Konsumvereine bedroht waren, wie auch all die Furcht-
samen und die Schwankenden begannen in dem Fascismus das Gegengift
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