GHike, Geburtenrüdgang und Sozialrejorm
HWos die BeredHtignun.g des Malthusidhen Vevölferungsgefebes und der ver.
ivanbten Zheorien anbelangt, [o gilt vor allenı, daß fie nur eine relative Dedeutung
beanfpruden Fönnen, Das Bevöllerungsproblem geftaltet [id für jede Beit und für
jedes Volk verfdhieden. Sowohl die Vulisvermehrung als auch der Nadrungs mittel.
[pieltaum und ihr gegenfeitiges Verhältnis [ind keine felte Größen, (ondern wechfeln
je nad) dem Kulturftand eines Volkes, nach dem Stand und Fortfchritt der Technik,
nach der geographifhen Lage, den Mimatijhen Verhältniffen ufw. Im allgemeinen
it gewiß richtig, daß in einem gefchloffenen Agrarfjtaate der Zeitpunkt eintreten Tann,
wo bie Steigerung der Produktion der Lebensmittel nicht im gleihen Make Schritt
hält mit der wachfenden Vollsvermehrung. Das war z. B. in den 40er Sahren in
Irland, in den legten Jahrzehnten in Italien der Fall. Da bietet fi ein doppelter
Weg des Ausgleichs. Zunächft die Auswanderung in andere Gegenden, wo noch frucht
bare Streden des Unbaues harren So hat Irland von 1806 bis 1864 nicht weniger
al 8% Millionen Auswanderer, meiltenz nach Amerika, geftellt. Weniger [Owierig
ijt der zweite Weg: Ergänzung der hHeimifhen Lebensmittelproduttion dureh
Imbort aus dem fruchtbarern Yusland und Dedung diejer Koften durch den Erport
bon Indufirieprotukten, Dies ift der Weg, den 3. B. England und Deutfhland mit
beftem Erfolg eingef[dlagen Haben. Eo hat für Deutfhland das Bevölferungspro blem
alle feine Schreden verloren Unıigefehrt: wir ermangeln noch der ausreichenden Volks:
und Arbeitskräfte, Während die Auswanderung von 221 000 (1881) auf 18 545 (1912)
gefunten tft, haben noch 1,3 Millionen Ausländer in unferm Vaterland Arbeit und Brot
gefunden, Donk der Fortfehritte der Wiffenfchaft, der zuneHmenden Verwendung
von Mafjchirxen, der fünftliden Dünge- und Futtermittel, der DVerbefferung de? Saat
gutes, der Viehraffen ufw. ift die Landwirt{haftlide Produktion fo gefteigert, daß heute
in den Kriegsjchren auf demfelben Raume 68 Millionen Menden — wenn auch
nicht fo reichlich, fo boch austeidhend — ihre Nahrung finden, auf dem z. SB. 1871
41 Millionen lebten. Vor allem aber Hat uns unfere Inbuftrie und ihre rafhe Ent-
midlung e8 ermöglicht, mit den Mitteln, die uns eine fteigende Yusfuhr indwuitrieller
Produkte ins Ausland bot, unfere nationale Vebensmittelproduktion durch die Einfuhr
aus überfeeifdgen und nachbarliden Ländern fo zu ergänzen, daß wir ung vor dem
Rriege reichlich nähren und Heiden und auch noch einen erhebliden Zuwachs an Lurue:
und Kulturgütern gönnen fonnten. Unfere ganze Voltsvermehrung fand in der Indukftrie
\nebjt Handel und Verkehr) reichlich Arbeit und Brot, Die bedeutungsvolle Ergänzung
unferer nationalen Produktion und Arbeitsgelegenheit durch das Ausland ergibt fid)
daraus, daß 3. B. 1913 der Wert unferer Einfuhr fidh auf 11,7, der der Ausfuhr auf
10,9 Milliarden Mark {tellte. Die Unterbilanz wurde durch die Zinfen und Dividenden
uf. aus den Kapitalanlagen ım Auslande reichlich gededt. Troß „FIreifebung“ der
Wrbeiter jtieg 3. 3. die Zahl der verfidherten Berfonen in den (66) gewerblichen
Berufsgenoffenfhaften von 7,5 (1900) auf 8,9 (1908) und 10,6 Millionen im Sahre
1918. Nicht der Überfhuß, fondern der Mangel an Menfdhen kann ung Ver-
’egenheiten bringen, und dies doppelt nad einem Kriege, der fo {Hwere Lüden in
unfern Fräftigjten Vollskreifen geriffen hat. Die baldige MWiederansfüllung diefer
Lüden ijt das Ddringendite Bedürfnis für eine reichere zufünftige Entwidlung von
LandwirtfHaft und Induftrie; dbiefe bedingt aber wieder die gute Verforgung und ftarfe
Nachfrage für unfern Arbeiterftand, fo daß auch für ihn eine gefunde, ftarfe Nach-
fommen{cdhaft nicht bloß eine Verftärkung feiner fozialen und politıjdhen Macht-
tellung, fondern auch einen wirt{HaftlidHen Gewinn bedeutet.
Während die fozialijtijdhe Arbeiterfhaft vielfach unter dem Vorurteil falfcher
Xheorien der nationalökonomifdhen Wiffenfbaft gegen die Gebote des nationalen
Dortichrittes fündigt und fo gewiß Anfpruc auf nachfichtigere Beurteilung geltend
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