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einer Bauernwirtschaft, die z. B. nicht mehr als 4 Dess. besitzt, und
wie es oben gezeigt wurde, machen solche Bauernwirtschaften in den
neurussischen Gouvernements einen beträchtlichen Prozentteil aus, setzt
sich folgendermassen zusammen. Die Zahl der Erwachsenen beträgt
gewöhnlich in einer solchen Bauernfamilie nicht mehr als zwei Menschen.
Da, wo erwachsene Kinder vorhanden sind, wohnen sie ausserhalb der
Pamilie als Lohnarbeiter auf dem Gutshofe. Der Viehbestand besteht
aus einem Pferd und etwas Kleinvieh, einigen Gänsen, Enten und
Schweinen. Von den 4 Dess. werden 3 mit Weizen, Gerste und Roggen
bebaut, 1 Dess. wird als Weideland benützt. Bei einer mittleren Ernte
ergibt sich doch ein Defizit an Getreide, das nur durch Getreide- und
Kartoffelkauf ersetzt werden kann. Zu den gewöhnlichen, notwendigsten
Ausgaben für die Haushaltung kommt nun eine neue Ausgabe, nämlich
für Getreide und Kartoffeln. Im Ganzen betragen die Ausgaben etwa
68 Rubel, was nur durch Verkauf von Vieh und von Geräten und durch
Lohnarbeit gedeckt werden kann. Die Gewinnung von Geldmitteln durch
Lohnarbeit oder Steinbrüchen oder andere Gelegenheitsarbeit bildet eine
regelmässige und gewöhnliche Erscheinung bei solchen Bauernfamilien.
Der Hausherr verdingt sich immer zur Lohnarbeit, auch die Frau und
die Kinder müssen irgendwie entweder bares Geld verdienen oder irgendwo
ihre Existenz suchen. Als Nahrungsmittel dient in der Regel Schwarz
brot und Kartoffel. Besonders kläglich wird die Lage der Kinder, die in
Abwesenheit der Eltern auf Lohnarbeit irgendwo Unterkommen suchen
und zu gewöhnlichen heimatlosen Landstreichern werden. 1 )
Obwohl sie nicht für wirkliche besitzlose Landarbeiter gehalten
werden können, befinden sich die «Schenkungsbauern» in einer vielleicht
schlimmeren Lage, als die vollständig Besitzlosen. Der ganze Unterschied
zwischen ihnen und diesen besteht darin, dass die besitzlosen Arbeiter,
für die die Lohnarbeit ein Beruf geworden ist, ununterbrochen als Lohn
arbeiter dienen, während die quasi Besitzenden sich zur Lohnarbeit nur
periodisch verdingen müssen.
Unter der neurussischen Bauernschaft besteht noch eine Gruppe
von Bauern, die in einigen Beziehungen sich in einer weit schlimmeren
Lage befindet, als die «Schenkungsbauern.» Dies sind die «Zehenter.»
Die meisten von den «Zehentern» sind im Gouv. Cherson zu treffen. Der
«Zehenter» existiert schon seit Jahrhunderten und hat einen wirtschafts
geschichtlichen Ursprung.
') Vergl. Osadtschy Eugenie-Schtscherbanoff-Dorf,