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Zweiundzwanzigstes Buch.
geschichtlich-deutsch, ja als ein wenig gleichsam mumifiziert⸗
deutsch erscheinen lassen.
Aber dies zähe Festhalten altnationaler Grundlagen hatte
anderseits nicht ausgeschlossen, daß man im Bereiche der wirt⸗
schaftlichen und sozialen Entwicklung jene starken Fortschritte
gemacht hatte, von denen früher die Rede gewesen ist“; und
namentlich in den großen Städten, in Zürich, in Basel, auch
in Bern wurden diese in einer energisch vorwärts strebenden
bürgerlichen Kultur bemerklich. Und so ergab sich denn für das
Geistesleben der Eidgenossenschaft eine eigenartige Mischung,
vergleichbar der würzig belebenden Luft der schweizerischen
Hochebene, in der sich kühle, von den Firnen des Hochgebirgs
herabtauchende Strömungen mit dem heißeren Brodem der
Tiefe mischen: sie war konservativ und sie war fortschrittlich
zugleich.
Bekannt ist es, daß die Schweiz aus diesem Zusammen⸗
hange her seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts wiederholt
höchst erfrischenden Einfluß auf die verschiedensten Gebiete des
gemeindeutschen Schrifttums, ja unserer Kunst und Kultur
überhaupt geübt hat, bis hinab zu der jüngsten Bedeutung
Konrad Ferdinand Meyers, Kellers und Böcklins. Die erste
dieser Wirkungen aber trat nun eben seit den zwanziger Jahren
des 18. Jahrhunderts ein; sie gehörte dem Schrifttum an,
kennzeichnete sich als fortschrittliches Anknüpfen an verhältnis—
mäßig alte literarische Uberlieferungen, und war mit den Namen
Hallers, Bodmers und Breitingers, Söhnen der Berner und
der Züricher Erde, verbunden.
Von ihnen steht Haller, der berühmteste deutsche Physiologe
vielleicht des 18. Jahrhunderts, 1708 geboren, 1777 gestorben,
schon ganz auf der Schwelle der großen literarischen Zeit des
18. Jahrhunderts. Haller ist nur etwa ein Fünftel seines
Lebens als Poet tätig gewesen. Früh küßte ihn die Muse;
schon mit fünfundzwanzig Jahren stand er auf der Höhe seiner
dichterischen Entwicklung; seit seiner Berufung an die Göttinger
S. oben S. 188ff.