Object: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

436 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 894 
lich von der Grundrente bedroht sei, von ihr absorbiert werde, ist der Zeit der stärksten 
englischen Grundrentenbildung 17880 — 18380 entnommen. Damals war allerdings aller 
Gewinn durch die Teuerung des Lebens und die rasch enorm angewachsenen Grund— 
renten, wie sie in England infolge seiner Handelspolitik, seines Rechtes und seiner Be— 
triebsverhältnisse sich gestalteten, sehr eingeschränkt. Ähnliches fand wohl auch in be— 
schränkter Weise anderwärts statt, aber doch entfernt nicht so, wie dort. Wir kommen 
im folgenden Paragraphen darauf zurück. 
ä) Fuür die Mehrzahl der gewerblichen und Handelsunternehmen ist jedenfalls 
die Beschafsung des Kapitals wichtiger als die des Standortes; auch für den Landwirt 
wird das mehr und mehr eine Lebensfrage. Teueres Kapital verteuert, billiges ver— 
billigt die Produktion. Landwirt, Kaufmann, Fabrikant kann, wo es an Kapital 
mangelt, an guter Kreditorganisation gebricht, in seiner ganzen Stellung bedroht sein; 
was er gewinnen sollte, kann in Wucherhände fließen. Aber die Zunahme der Kapital— 
bildung, das Sinken des Zinsfußes, die Verbesserung der Kreditorganisation, die wir 
kennen lernten (oben I 8 194 — 202), haben es dahin gebracht, daß in den wohl—⸗ 
habenden Kulturstaaten der Unternehmergewinn dadurch von Tag zu Tag weniger ge— 
schmälert wird. Allerdings wird das Sinken des Zinsfußes auch den Gewinn ernied— 
rigen; wer früher 6— 1000 zahlte, mußte mindestens 8—120/0 verdienen, um selbst zu 
leben; wer heute 3—ã80/0 Zins zahlt, braucht nur 5—70/0 zu verdienen, um dieselbe 
Einnahme zu haben. Und die Abhängigkeit von gut geleiteten anständigen Kredit— 
instituien ift heute für die Unternehmer kaum ein Schaden, oft ein geschäftliches Er— 
ziehungsmittel. Anders freilich liegt es, wo auch heute noch die Kreditinstitute aus 
dem „Abschlachten“ von Kunden ein Geschäft machen, wo die Unternehmer noch von 
wucherischen Kreditvermittlern abhängen. 
e) Unter den Produktionskosten des Unternehmers stehen die Ausgaben für Lohn 
meist an einer der ersten Stellen; sie pflegen zwischen 15 und 800/0 aller Ausgaben zu 
schwanken. Es lag also von Anfang an nahe, die Höhe des Unternehmergewinnes 
mitder Höhe des Arbeitslohnes in Verbindung zu bringen. Ricardo sagt: der 
Gewinn hängt vom hohen oder niedrigen Arbeitslohn, dieser vom Preise der Bedürfnisse, 
der Höhe der Grundrente ab; der natürliche Verlauf in der bürgerlichen Gesellschaft 
ist das Sinken des Gewinnes, weil der Mehrbedarf an Nahrungsmitteln — von einzelnen 
Verbesserungen abgesehen — mehr Arbeit kostet. An ähnlichen Gedanken hielt die 
ganze ältere von England beeinflußte Schule fest, die Socialisten, wie z. B. Rodbertus 
mit der Umdrehung, daß sie den Gewinn steigen, den Lohn finken lassen. 
Alle diese älteren Abstraktionen haben ja darin recht, daß wenn eine Mutter den⸗ 
selben Apfel an ihre zwei Jungen teilt, der eine immer nur auf Kosten des andern 
mehr erhalten kann. Aber so einfach liegt der Fall bei der Teilung zwischen Unter— 
nehmern und Arbeitern in der Regel nicht. Zunächst muß man den Unterschied zwischen 
Arbeitskosten und Lohnhöhe im Auge behalten. Die ersteren können durch bessere 
Methoden und fortschreitende Arbeitsleistungen fallen, während der Lohn derselbe bleibt 
oder sogar steigt; dann ist die thatsächliche historische Basis Ricardos eine vorüber—⸗ 
gehende Erscheinung. Die von ihm 1789 —1830 konstatierte englische Lebensverteuerung 
hat seit 1880, noch mehr feit 1875 einer großen Verbilligung Platz gemacht. Die 
döhne sind seit 30 Jahren jedenfalls mehr gestiegen, als die Verteuerung des Lebens 
ausmacht. Dann und hauptsächlich ist die Annahme eines gleichbleibenden zwischen 
Unternehmer und Arbeiter zu teilenden Gesamtbetrages in den meisten Ländern und Be— 
rufen nicht zutreffend. Die Produktivität kann wachsen; sie gestattete vielfach, zumal in 
den Aufschwungsperioden, daß Löhne und Gewinne zügleich stiegen. Wenn und wo 
zeitweise die Gewinne fielen, waren stockende Geschäfisepochen, mangelnde Fortschritte 
in der Produktivität, unter Umständen periodische Grundrentensteigerungen mehr schuld 
als das Steigen der Löhne. In der Zeit stabiler oder rückgängiger Loöͤhne (1790 bis 
1850) sind die Gewinne nicht so groß gewesen wie z. B. 1880—1875, in welcher die 
Löhne stiegen. 
Das behauptete allgemeine Sinken der Gewinne ist vielleicht nicht ganz zu
	        
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