Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

268 J Zwölftes Buch. Drittes Kapitel. 
Selbsteinkehr gelangt in christlicher Armut des Geistes wie im 
Verzicht auf die Interessen des diesseitigen Lebens. Wie aber 
kann derjenige alles Äußere dieser Welt abstreifen, der nicht in 
ihr aufgeht im reinsten Sinne einer selbstlosen Liebe? Schrankenlose 
Hingebung an den Nächsten, kindliche Demut im Dienste christ⸗ 
licher Mission, Liebe zu aller Welt: humilitas, caritas, oboe- 
dientia: das sind die Vorbedingungen kontemplativen Daseins. Sie 
hat der h. Franz als Forderungen seines Vereins hingestellt, nach 
ihnen hat er selbst gelebt und sein Leben zum christlichen Gedicht 
gestaltet, ein parzivalischer Charakter. Und mochten auch die 
Minoriten, wie nicht minder der Bruderorden der Dominikaner 
dem ersten Ideal nicht immer treu bleiben, immerhin haben sie 
zuerst auf mystischer Grundlage die demokratische, uneinschränkend 
thätige Auffassung der christlichen Liebe gelehrt: ein thätiges, 
altruistisches Christentum trat an Stelle der egoistischen Askese 
des 10. Jahrhunderts und der intellektualistischen Kontemplation 
Bernards, und es ward hochgeachtet sogar noch hinaus über 
den Raptus der Intuition: und sei die Verzückung selbst so 
groß, wie die des Paulus, man soll sie fahren lassen, wenn 
man einem Kranken auch nur durch ein Süpplein helfen 
kann!. 
Von diesen Anschauungen getragen, zogen die Bettelmönche 
seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hinaus in 
alle Welt. In Deutschland wurden sie bald die besonderen 
Vertrauten und Berater des Bürgertums: sie lasen bisweilen 
die Messe in der Stadt während des Interdikts, sie waren in 
kritischer Zeit die Bewahrer der städtischen Privilegien, sie trugen 
die staatskirchenrechtlichen Theorien der Zeit Kaiser Ludwigs 
in die Laienkreise?, sie wurden die Geschichtsschreiber des Bürger⸗ 
tums. Der Weltklerus trat ihnen gegenüber zurück, so wacker 
er sich wenigstens in einigen süddeutschen Städten zu halten 
suchte: sie wurden wie die Prediger so schließlich selbst die 
Beichtiger der städtischen Bevölkerung. 
1 
2 
Harnack a. a. O. 385, Anmerkung 1. 
Vgl. oben S. 87 ff.
	        
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