Full text : Die Reichseisenbahnen

42

dem  nach  vielen  Millionen  zählenden  Zustrom  und  Abstrom  an  Reisenden ­
  kannte  man  früher  nicht.  Solche  Massenpunkte  konnten  sich  erst  bilden
im  Zeitalter  der  Eisenbahnen.  Nicht  viel  anders  sind  die  Lebensbedingungen ­
  der  großen  Industriezentren,  namentlich  des  rheinischwestfälischen.
  Von  Dortmund  bis  Düsseldorf  reiht  sich  Stadt  an  Stadt,
Schlot  an  Schlot,  fast  Haus  an  Haus.  Man  kann  von  einer  einzigen
Riesenstadt  reden.  Berlin  ist  das  wichtigste  Verbrauchs-,  das  Ruhrrevier
das  wichtigste  Erzeugungszentrum  Deutschlands.  Nicht  so  eng  zusammengedrängt ­
  sind  die  großen  Menschenansammlungen  im  Hüttenbezirk ­
  des  lothringisch  -  luxemburgischen  Grenzgebietes  und  in  Oberschlesien, ­
  deren  erste  sich  auf  die  Erzvorräte,  die  zweite  auf  die  Kohle
gründet.  Damit  ist  aber  der  Kreis  der  Verbrauchs-  und  Erzeugungszentren ­
  keineswegs  umschritten.  Alle  Großstädte  und  Hafenplätze  gehören ­
  hierzu,  wie  Leipzig,  München,  Mannheim,  Köln,  Hamburg  usw.
und  sind  gleichzeitig  Brennpunkte  der  Wirtschaft  wie  des  Verkehrs.
Denkt  man  sich  die  Güter-  und  Personenbewegung  zwischen  diesen
Brennpunkten  des  Verkehrs  bildlich  dargestellt,  so  ergibt  sich  ein  kreuzweis
durcheinandergehendes  Netz  von  Verkehrsströmen  verschiedener  Stärke.
Strecken,  Bahnhöfe,  Fuhrpark  und  Personal,  alles  ist  darauf  berechnet,
eingerichtet,  abgemessen  und  geschult,  daß  der  Betrieb  ununterbrochen ­
  läuft,  gleichsam  wie  eine  Kette  ohne  Ende,  so  daß  man
von  einer  stontinuitäk  des  Eisenbahnbetriebes  reden  kann.  Im  regelmäßigen ­
  Pulsschlag  vollziehen  sich  Zulauf  und  Ablauf  der  leeren  und
beladenen  Güterwagen,  laufen  die  Personenzüge  hin  und  her.  Alles
ist  in  kunstvollen  Fahrplansystemen  geordnet.  Stockt  der  Betrieb  an
einem  Punkte,  so  ist  der  Schaden,  der  dem  Ganzen  zugefügt  wird,
ähnlich  zu  beurteilen  wie  der  Stoß,  den  der  menschliche  Körper  durch
Stockungen  des  Blutumlaufs  erfährt.  Seine  natürliche  Elastizität  befähigt ­
  ihn,  eine  Reihe  solcher  Stöße  auszuhalten.  Werden  sie  zu
häufig  oder  zu  stark,  überschreiten  sie  die  Elastizitätsgrenze,  so  sind
Schwächungen  die  Folge,  die  schließlich  zum  Zusammenbruch  führen.
Organisationsmängel  treten  bei  regelmäßigem  Betriebe  selten  hervor. ­
  Sie  werden  meist  erst  akut,  wenn  der  Organismus  besonders
beansprucht  wird.  Daher  sind  Verwaltungsreformen  fast
immer  Kinder  der  Not.
Das  gilt  in  besonderem  Maße  von  der  Eisenbahn.  Der  Eisenbahnverkehr ­
  verläuft  an  sich  schon  nicht  völlig  gleichmäßig.  Er  unterliegt
vielmehr  einmal  Schwankungen,  die  mit  einer  gewissen  Regelmäßigkeit,
wenn  auch  in  verschiedener  Stärke,  wiederkehren,  wie  dem  Ansteigen
des  Verkehrs  im  Herbst,  wenn  der  Ernteverkehr  mit  der  gesteigerten
Brennstoffzufuhr  zusammenfällt,  sodann  den  großen  Konjunkturschwankungen ­
  des  Wirtschaftslebens;  denn  der  Eisenbahnverkehr  ist  ein  Spiegelbild ­
  des  Wirtschaftslebens.  Wir  haben  also  regelmäßig  wieder-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.