Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.
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Durch die Notenbank wurde die Situation des wirtschaftlichen Ge
triebes bald erfaßt, und sie begann planmäßig mit dem Ankäufe von
Auslandswechseln. Schon vorher drangen von vielen Seiten Anregungen
zur Regierung, der Staat möge durch Vermittlung der Bank von Frank
reich die unverkäuflichen Wechsel aufnehmen. Es wurde hierbei auf
die bevorstehenden Bezahlungen der ersten englischen Kupferlieferungen
und amerikanischen Getreide- und Petroleumlieferungen hingewiesen
und gefordert, daß die Regierung Kupfer, Getreide und Petroleum mit
laufenden Wechseln begleiche, und man bezeichnete es als einen höchst
unökonomischen Zug, sie mit dem Golde der Notenbank zahlen zu wollen,
während jene Devisen mit 2—3 % Prämie in reichlichem Maße aufzu
kaufen seien. Die Presse war unermüdlich bestrebt, Aufklärungen über
den Wert der Devisen zu geben und forderte von den Banken eine
aktive Betätigung zum Ankauf der Auslandswechsel. Auf alle diese
Bestrebungen folgte die Tat aber nur in beschränktem Umfange. Re
gierung und Banken entschuldigten ihre Passivität mit dem Hinweis auf
den möglichen Verlust dieser übertragbaren Papiere durch Besitzergreifung
deutscher Kreuzer auf hoher See! Dann hätten sie den Schaden zu
tragen! Natürlich ist dieser Vorwand nicht haltbar. Für die Verschiffung
von Gold besteht eine noch viel größere Gefahr, da Gold doch Konter
bande ist. Die Notenbank hatte daher bald, obgleich sie sehr stark
von anderen Arbeiten überbürdet war, den Ankauf der Devisen über
nommen, den Inhabern kreditiert und ihnen nach Eingang der Zahlung
in London oder New York den Gegenwert ausgehändigt.
Ihr Eingreifen führte in kurzer Zeit dahin, daß am Pariser Wechsel
markt langsam ruhige Bewertungen der fremden Wechsel eintraten.
Pfund Sterling, Dollars, Schweizer Franken, holländische Gulden und
skandinavische Kronen näherten sich allmählich der Parität.
Auf dem Weltmärkte verschwand inzwischen das Agio für den
Btanken, und es waren keine bemerkenswerten Ereignisse auf dem Gebiete
der Währung zu verzeichnen, die etwa auf eine Gefahr für den Franken
hindeuten konnten. Einige Zeit später schwankte seine Bewertung
etwas stärker, sie ging auch bisweilen unter Pari. Das Disagio betrug
a her nicht mehr als durchschnittlich 1 % und war damit im Vergleich zu
den anderen Währungen — für Kriegsbegriffe — durchaus normal.
Die ruhige und gleichmäßige Entwicklung der Devisenkurse konnte
ay ch nach der ersten Durchbrechung des mystischen Dunkels, das die
Notenbank sofort nach Kriegsausbruch durch die Nichtveröffentlichung
ihrer Wochenausweise um sich hüllte, nicht merklich gestört werden.
Am 1. Oktober 1914 gab der Finanzminister die wichtigsten Mitteilungen
über den Status der Notenbank. Der Notenumlauf wies eine gewaltige
Steigerung vor. Er war am
31. Juli 1914 .... 5,9 Milliarden Frcs.
x. Oktober 1914. . . 9,3 » »
d- h. er erreichte eine Zunahme von 3,4 Milliarden Frcs., und seine Gold
deckung war 44 %. Über 9,5 Milliarden Frcs. Noten ruhten auf einem