Full text: Gesellschaftslehre

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Persönlichkeiten, teilweise auf dem Wege des selbständigen individuellen 
Urteils, teilweise endlich durch Meinungsaustausch in kleineren Kreisen, 
bei dem vielfach eine gemeinsame Überzeugung gewonnen wird. Dieselbe 
Mischung tritt uns auch im Gebiete der wissenschaftlichen Anschauungen, 
namentlich bei der Herausbildung neuer Überzeugungen entgegen. Sie 
sind keineswegs ein Werk rein individueller Überlegungen, sondern der 
Meinungsaustausch spielt auch hier eine Rolle im Sinne der Gemeinsam- 
keit oder sogar der Gemeinschaft. Er vollzieht sich anschaulich in allen 
Kongressen und bei allen Besprechungen in kleineren Kreisen, unanschau- 
‘ich durch brieflichen und vor allem gedruckten Meinungsaustausch und 
Jurch persönliche Übermittlung der Stellungnahme von Berufsgenossen. 
Mag der Einzelne dann auch noch so autonom seinen Standpunkt aus- 
zubilden glauben, so ist er tatsächlich doch durch die Stellungnahme sei- 
ner Berufsgenossen mehr oder weniger erheblich beeinflußt. In beson- 
derem Maße gilt das Legtere für einen Grundstock der einschlägigen 
Anschauungen und eine Reihe allgemein anerkannter Überzeugungen 
zegenüber Urteilen speziellen Inhaltes. Die legteren bildet sich der ein- 
zelne Fachmann mehr für sich am Schreibtisch, während die ersteren als 
3in Kollektivgut durch persönliche Wechselwirkung ausgebildet und fest- 
zehalten werden oder sogar als ein Stück echter Gruppengeist gleichsam 
zu dem „Bekenntnisschag‘“ der wissenschaftlichen Gruppe gehören, dessen 
Mißachtung gegen den wissenschaftlichen Ehrenkodex verstoßen würde. 
Überhaupt können wir nach dem Grad der Kollektivierung verschiedene Typen 
anterscheiden. Wir geben dafür ein paar Beispiele, wobei wir zum Teil den ver- 
wandten Ausführungen Mc Dougalls (The group mind 5S. 57) folgen. Denken wir z. B. 
ın eine Schar Spaziergänger, die zufällig alle auf einen ausgebrochenen Löwen 
;toßen und vor ihm fliehen. Gemeinsam ist ihnen lediglich der Affekt, näm- 
lich der Affekt der Furcht, der dabei durch Wechselwirkungen gesteigert wird. Im 
übrigen flieht jeder für sich; ihre Handlungen sind also rein individuell, obschon 
zleichartig und obwohl sie sich in der Energie der Verfolgung ihrer Ziele gegenseitig 
lJurch Wechselwirkungen steigern. — Zweitens nehmen wir an, alle diese Menschen, 
zufällig alle bewaffnet, wollen den ausgebrochenen Löwen erschießen. Wiederum ist 
ihnen die Stimmung und dazu diesmal auch das Ziel der Handlung gemeinsam: wir 
haben in diesem Fall einen gemeinsamen Affekt und ein gemeinsames 
Objekt. Die Menschen bilden vorübergehend eine Erlebnisgemeinschaft wie im Vo- 
rigen Fall, nur daß die innere Verbindung hier mehr umfaßt, insbesondere unter 
zeeigneten Umständen auch einen Willen zur gegenseitigen Förderung aufkommen 
läßt. Geschieden aber sind die Subjekte als solche, d. h. nach ihrem ganzen Wesen, 
weil keine Wesensgemeinschaft besteht; und das mehr oder weniger gemeinsame Wol- 
len desselben Zieles erfolgt nur im Zusammenhang der persönlichen Lebensinteressen 
der Individuen als solcher. — Drittens denken wir uns ein Regiment, das von einem 
starken Korpsgeist erfüllt ist, vorgehen mit der Absicht, seinen Gegner zu vernichten. 
Dieses Regiment fühlt sich als Einheit, als Gruppe. Hier verfolgen nicht eine Reihe 
von einzelnen Menschen individuelle Ziele, die objektiv betrachtet identisch sind, son- 
dern hier verfolgt ein kollektives Subjekt ein kollektives Ziel. Hier haben wir also
	        
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