Full text: Festschrift für den 3. Internationalen Petroleumkongreß (Bukarest, September 1907)

Handwerk und Grossindustrie. 685 
Es hilft nichts. Wir müssen zugestehen: der alte schöne 
Satz: „das Handwerk hat einen goldnen Boden“ gilt nicht 
mehr in dem Sinne, dass es möglich wäre, durch Wiederher- 
stellung des alten Zunftrechts auch die alte Blüthe des zünf- 
tigen Gewerbes wiederherzustellen. Das kann nur dazu füh- 
ren, dass alle strebsamen und talentvollen Kräfte um so 
rascher das eigentliche Handwerk verlassen. | 
Aber wahr ist noch heute, dass überhaupt jede redliche 
Arbeit einen goldenen Boden hat. Wahr ist, dass auch in 
der heute herrschenden Grossindustrie die Idee zur Geltung 
gebracht werden kann, die Arbeit müsse nicht nur wegen des 
Erwerbs, sondern mit stolzem Pflichtgefühl erfüllt werden, 
Wahr ist, dass auch in der Grossindustrie diesem Gedanken 
durch Corporation. und Organisation Stärke gegeben wer- 
den kann. 
Die herrschenden Formen des Betriebs der Gewerbe und 
die Formen der gewerblichen Ordnung müssen wechseln. 
Ewig wahre Gedanken, von sittlichem Gehalt, die den alten 
Formen zu Grunde lagen, können in neuen Formen aufleben. 
Neue Formen sind schwer zu finden. Es ist natürlich, 
dass diejenigen, welche den guten Geist alter Ordnungen er- 
halten wollen, sich zunächst an die alten Formen selbst halten. 
Haben doch z. B. die so modernen englischen Trades 
Unions lange Zeit sich in die Idee der Wiederherstellung der 
alten obrigkeitlichen Lohnregulirungen und Lehrlingsgesetze 
verbissen. Haben doch die so modernen und nützlichen, auf 
die grössere Industrie berechneten heutigen Syndikate in Frank- 
reich ihren Ursprung in der Wiederherstellung. privilegirter 
Zünfte für Metzger und Bäcker in Paris gehabt. 
Reaetionäre Bestrebungen auf socialem Gebiet können nie 
das formale Ziel erreichen, das sie sich vorsetzen, weil die That- 
sachen zu mächtig gegen sie sind. Aber sie können die Ein- 
leitung zu einem wirklichen Fortschritt sein, sie können Be- 
wegungen zur Bildung neuer Zzeitgemässer Ordnungen in 
Gang setzen, 
Und darum: Ich kann die Hoffnungen erregter Hand- 
werksmeister nicht theilen; aber ich hoffe, dass aus dieser Er-
	        
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