310 —
Schaft erscheint, die zugleich einem methodisch guten Bestre
ben entsprungen ist. Unser Nationalökonom hat nämlich einen
hochwichtigen methodischen Zug des modernen wirthschaft-
lichen Denkens vertreten, der in gleich ausgeprägter Gestalt
sonst nirgend vorkommt und als eine der unerlässlichen Vor
bedingungen des streng wissenschaftlichen Verhaltens betrach
tet werden muss. Er hat die Einkleidung noth wendiger Ab-
stractionen in das Gewand erdichteter Zustände, also eine
schematische Constructioil der einfachen ökonomischen Ver
hältnisse zum Princip und zur bewussten Denk- und Unter
suchungsform gemacht. Man erkennt hierin die Aehnlichkeit
mit dem Verhalten des Mathematikers, und cs kann überhaupt
eine höhere, in die Gründe eindringendo Wissonsgattung gar
nicht geben, wo auf Sonderungen dieser Art verzichtet wird.
In dieser Hinsicht ist daher Thünen für die Methodik des
volkswirthschaftlichen Denkens nicht gleichgültig, sondern ver
tritt sogar typisch eine in ihrem Korne unumgängliche Ge
staltung des untersuchenden Verhaltens. Er wird uns daher
nicht blos des materiellen Satzes wegen, den man ihm zuschreibt,
sondern auch im Hinblick auf die Art und Weise beschäftigen,
wie die volkswirthschaftlichen Wahrheiten zu Tage gefördert
und streng bewiesen worden können. Da jedoch die Physio
nomie der Thünenschen Leistungen mehr als gewöhnlich mit
den Lebeusverhältnissen und der Umgebung der Person gemein
hat, so können wir einige biographische Züge nicht umgehen.
Für den allgemeinen Gang der Geschichte unseres Wissens
zweiges sei jedoch bemerkt, dass mit Thünen auch in Deutsch
land die erste eigenthümlichc Wendung der Wirthschaftslehro
diejenige gewesen ist, welcher die Betrachtung des Ackerbaus
zum Ausgangspunkt diente.
2. Heinrich v. Thünen (1783—1850) aus dem Jeverlande,
Sohn eines Gutsbesitzers und später selbst Eigenthürncr der
durch seine Arbeiten berühmt gewordenen Wirthschaft Tellow
(im Mecklenburgischen, 5 Meilen von Rostock), wurde zuerst
in ziemlich roher Weise praktisch für die Landwirthschaft aus
gebildet, gelangte aber in der uns hier iutcressirenden Haupt
sache durch Denken und Selbstbelehrung schon sehr früh zu
seiner Grundanschaimng. Seine allgemeine wissenschaftliche
Bildung verdankte er zum allergrössten Theil seinem spätem
Autodidaktenthum. Ein paar Semester in Göttingen haben daran