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übertragen worden, die in den letzten Dezennien in noch
höherem Sinne für die Volkswohlfahrt von eminent
kultureller Bedeutung geworden sind. Im Besitze der
synthetischen Methoden der organischen Chemie, dehnten
die Forscher ihre Studien auf andere Klassen von Kohlen
stoffverbindungen aus, die zu dem menschlichen Leben
in irgendeiner Beziehung stehen.
In erster Linie steht hier die Bedeutung der chemi
schen Synthese für die Bekämpfung der Krankheiten und
Seuchen. Der Beginn einer zielbewussten Forschung in
dieser Richtung liegt 25 Jahre zurück. Bis dahin hatte
man sich von gelegentlichen Beobachtungen und Ver
mutungen leiten lassen, bei denen der Zufall oft eine
wesentliche Rolle spielte. Schon bei der Einführung
eines der wichtigsten Arzneimittel war dies der Fall.
Als die Scheringsche Fabrik im Jahre 1869 auf Ver
anlassung von O. Liebreich das 1832 von Liebig ent
deckte Chloralhydrat als Schlafmittel in die Medizin ein
führte, glaubte dieser, es würde sich im Blut allmählich in
Chloroform umsetzen, dessen narkotische Wirkung schon
1831 bei seiner ebenfalls durch Liebig erfolgten Ent
deckung erkannt worden war. Es zeigte sich, dass zwar
der gewünschte Erfolg, nicht aber die Voraussetzung
zutraf; dass diese Umwandlung zwar im Reagenzglase
mit starkem Alkali, aber nicht im schwach alkalischen
Blute vor sich geht.
Noch seltsamer war die Entdeckung des ersten er
folgreichen synthetischen Fiebermittels, des Azetanilids,
im Jahre 1887, die auf einer ganz zufälligen Verwechs
lung mit dem ähnlich aussehenden Naphthalin in der
Ko p p sehen Apotheke in Strassburg beruht. Bei thera
peutischen Versuchen zeigte das vermeintliche Naphthalin