Object: 10 Jahre Wiederaufbau

Österreich starken Widerhall. Die Änderungen im 
Geistesleben des deutschen Volkes riefen nach Neu- 
bestimmung und Erweiterung des der Jugend zu 
übermittelnden Lehrgutes und nach Anpassung an die 
Kultur von heute. Die starken Anstöße zur Erneu- 
erung der gesamten Arbeit in der Schule, die von 
Kerschensteiner und Gaudig ausgingen, wirkten tief 
nach. Im Vordergrund des Interesses stand jedoch in 
Österreich die längste Zeit hindurch das Problem des 
äußeren Neuaufbaues der Mittelschultypen. Der 
Wunsch, an Stelle der alten Mittelschulformen, die 
bisher jede für sich, meist ohne Rücksicht auf die 
anderen, eine eigenartige historische Entwicklung ge- 
nommen hatten, eine bewußt einheitliche Organisation 
zu schaffen, führte einerseits zu einem lebhaften theo- 
retischen Meinungstausch, der so manches Problem 
der Klärung zuführte, anderseits zur praktischen 
Erprobung neuer Schultypen, die sich nicht auf eine 
bloß äußere Umgestaltung des Schulaufbaues be- 
schränkten, sondern auch andere pädagogische Zeit- 
fragen aufrollten, vor allem die Neugestaltung des 
Lehrinhaltes und der Methoden. 
Die Zeit der Erörterung und Erprobung fand durch 
das Mittelschulgesetz vom 2. August 1927 ihren 
Abschluß. Die reiche Fülle der in den letzten Jahren 
gewonnenen Erfahrungen riet von einem vollständigen 
Aufgeben oder einer grundstürzenden Umgestaltung 
der bisherigen Mittelschultypen ab, der Gedanke 
eines organischen Aufbaues des gesamten Schulsystems 
nach einheitlichen Gesichtspunkten, ausgehend von den 
bisherigen Schularten, fand wachsende Anerkennung. 
Die Schulgesetze vom 2. August 1927 (neben dem 
Mittelschulgesetz wurde auch ein Hauptschulgesetz ge- 
schaffen) setzen alle Wünsche, die man an eine rationelle 
Gestaltung des Schulaufbaues stellen kann, in die 
Wirklichkeit um. Die Mittelschulen bleiben achtklassige 
Lehranstalten mit einer für das ganze Bundesgebiet 
einheitlichen Organisation. Sie schließen enge an die 
vierte Volksschulklasse an und setzen die von der 
Volksschule geleistete Arbeit in Inhalt und Arbeits- 
weise organisch fort, so daß der Übergang in die 
Mittelschule nicht einen Riß in der geistigen Ent- 
wicklung des Kindes verursacht, nicht ein plötzliches 
Umstellen erfordert, sondern ein zielbewußtes Empor- 
führen ‚ermöglicht. Der Übertritt erfolgt für viele 
Kinder nunmehr ein Jahr früher, als ehemals üblich. 
Das erfordert besondere Anpassung der ersten Klasse 
an die Leistungfähigkeit der Schüler. Die erste Mittel- 
schulklasse hat. in allen Typen noch keinen Fremd- 
sprachunterricht, verlangt wird eine wirksame Einfüh- 
rung in die Muttersprache. Die Unterklassen aller 
Typen weisen mit Ausnahme der Fremdsprache und von 
kleinen Abweichungen in der vierten Klasse dieselben 
Gegenstände und den gleichen Lehrplan auf. Dadurch 
ist ein Wechsel der Schultype auch nach der zweiten 
und dritten Klasse, ja in einzelnen Fällen noch nach 
der vierten Klasse möglich und eine verfehlte Schul- 
vahl kann noch verbessert werden. Auch für. die 
Kinder, die den Unterricht in der Volksschule weiter 
jesuchen oder sich für die Hauptschule entschieden 
‚aben, ist, falls sie später noch den Anschluß an 
las höhere Studium suchen, gesorgt. Hauptschüler 
:‚önnen auf Grund eines guten Jahreszeugnisses und 
les Nachweises der entsprechenden Fremdsprach- 
‚enntnisse ohne Prüfung in die nächsthöhere Mittel- 
Aulklasse aufsteigen. Der Bundesminister für Unter- 
icht ist ferner ermächtigt, für befähigte Kinder, die 
ırst nach vollendeter Schulpflicht in die Lage kommen, 
n das Mittelschulstudium einzutreten, fünfjährige Auf- 
yauschulen zu errichten, die in einem besonderen 
‚ehrgang zur Mittelschulreife führen. Das hat beson- 
lers für Landkinder große Bedeutung. Ebenso wird 
dersonen über 17 Jahre, die schon im Berufsleben 
;tehen und ihre Lehrzeit beendet haben, durch die 
‚unächst versuchsweise eingeführte „Arbeitermittel- 
ichule“ der Zutritt zur Hochschule eröffnet werden. 
Jurch diese von wahrhaft sozialem Geist geschaffenen 
Ylaßnahmen ist jedem, der begabt ist und studieren 
will, der Weg zur höheren Bildung freigemacht. 
Besondere Aufmerksamkeit wurde der Bildung der 
weiblichen Jugend gewidmet. Zu den Mittelschul- 
:;ypen, die für Knaben und Mädchen gleich sind, kommt 
lie Frauenoberschule hinzu, die außer dem wissen- 
«<haftlich intellektuellen Lehrziel. noch ein zweites, 
»thisch-praktisch gerichtetes verfolgt, die Beziehung 
des Inhaltes der Wissensfächer auf den Menschen, 
‚eine leibliche und geistige Natur und die Sorge 
ür sein Wohl. Von dieser Schulart ist eine we- 
;entliche Bereicherung unserer Frauenbildung zu er- 
varten. 
Diese äußeren Organisationsformen erhalten durch 
lie neuen Lehrpläne vom I. Juni 1928 inneres Leben. 
Diese Lehrpläne sind getragen vom festen Willen, 
lie heranwachsende junge Generation im neuen 
Geiste zu bilden. Die Mittelschule will sich nicht 
nehr auf Schulung des Verstandes und des Gedächt- 
ıisses allein beschränken, sondern sie sucht bewußt 
nnerhalb der Grenzen ihrer Wirksamkeit den jungen 
Venschen ganz zu erfassen und das volle Blühen 
ler jugendlichen Persönlichkeit zu ermöglichen. Sie 
zeht ausdrücklich und mit gesteigerten Mitteln auch 
ıuf Willensschulung und Gemütsbildung aus. Sie för- 
Jert die Entwicklungstriebe des gesunden und begab- 
‚en Menschen, die sich im schöpferischen Drange auf 
lem Gebiete der Handarbeit und des Zeichnens als 
\usdruck und Sprache äußern und die im klug ge- 
‘ührten Gesangsunterricht Gemüt bildend und Ge- 
neinschaft pflegend geübt werden. 
Die Erziehungsaufgaben der Mittelschule werden im 
\llgemeinen Teil des neuen Lehrplanes klar um- 
‚<hrieben; sie sollen verwirklicht werden durch die 
\rbeit an wertvollen Kulturgütern. Den Schülern soll 
in auf der Wissenschaft der Gegenwart beruhendes 
Weltbild als Voraussetzung für die Gewinnung eine!
	        
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