Spätere Schulen.
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niederen Karriere" begnügten. Das Hinayäna stellt den älteren,
verhältnismäßig echten Buddhismus dar, das Mahäyäna den
späteren, entarteten. Dem Mahäyäna gehören die Dhyänibuddhas
und Dhyänibodhisattvas an, also auch Avalokitesvara. Es hat
zuerst dem Buddhismus Götter gegeben und den Kultus auf
Äußerlichkeiten geleitet. Sein heiliges Buch ist das krasnä-
päramitäsütra, „das Lehrbuch von der Vollkommenheit der
Erkenntnis". Es wird auf Nägärjuna selbst zurückgeführt, auf
den ja auch die Grundlage zurückgehen mag. Später aber hat es
viele Zusätze erfahren und liegt in fünf verschiedenen Bearbei
tungen vor, die sich nach Umfang und Inhalt sehr voneinander
unterscheiden. Die kürzeste Fassung ist die am höchsten geschätzte.
In Neapel wird sie zu den neun kanonischen Büchern gerechnet.
Sie umfaßt 32 Kapitel in Sanskritprosa, meist in Form eines
Dialogs zwischen Buddha, Läriputra und Subhüti. Der Inhalt
ist sehr bunt, mehr spekulativ als religiös. Hier findet sich ini
18. Kapitel der kürzesten Rezension die Lehre entwickelt, die man
früher für den ältesten Buddhismus hielt, daß das wahre Wesen
aller Dinge die Leere, das Nichts ist. Es existiert nichts; eine
Gewißheit gibt es nicht; alles ist unsicher; an allem muß man
zweifeln. So ist die Lehre des Mahäyäna der denkbar schärfste
Skeptizismus, zu dem die Lehre von den Dhyänibuddhas und
Dhyänibodhisattvas in merkwürdigem Gegensatz steht.
Die letzte Phase, die der Buddhismus durchmachte, war die des
Mystizismus und der Magie^ des Yogäeära. Der Stifter dieser
Schule ist Aryäsanga oder Aryäsahgha, der aus Peschawar in
Kabulistan stammte und im 6. Jahrhundert nach Chr. lebte. Er
hat es verstanden, die philosophischen und religiösen Lehren des
Mahäyäna in Einklang zu setzen mit der brahmanischen Yoga-
Lehre, wie sie sich im Kultus des Gottes Öiva entwickelt hatte.
Hier hatte sich eine förmliche Theorie der Zauberei ausgebildet,
die in eigenen Schriften, den Tantras, vorgetragen wird. Es wird
darin gelehrt, wie man übernatürliche Kräfte erlangen und sie
durch kurze, mystische Formeln, die Dhäranis, oder durch magische
Kreise, Mandala, durch Amulette, Mudrä, mystische Abwaschungen,
bestimmte Gebräuche, bei denen Frauen eine große Rolle spielten,
und die teilweise höchst unzüchtig waren, ausüben könne, um sich
in den Besitz aller gewünschten Dinge zu bringen. Eine besonders
große Rolle spielten die Dhäranis, mit denen man glaubte, Ge
walt über die Götter, über Regen und Wind gewinnen zu können.