Full text: Die Bodenreform im Lichte des humanistischen Sozialismus

52 Die Bodenreform im Lichte des Freihandels. 
in die Städte geht, ist es anders geworden. Man ahnt und 
weiß, daß immer neuer Zuzug kommen muß, da man es so 
gewohnt ist. Eine außerordentliche Nachfrage nach mensch 
lichen Wohnungen hält ohne wesentliche Stockung an. 
Man sieht Grundstücke, welche als Gemüsegarten ihren 
Eigentümer gut ernähren oder als Sandfläche gar keinen 
Wert für den Besitzer hatten, in die Höhe gehen und manchen 
simplen Kappusbauern zum reichen Manne und Protzen 
werden. Da jeder Mensch die Befriedigung seiner Bedürf 
nisse auf dem möglichst kürzesten Wege zu erreichen strebt 
und die Gesetze den Handel mit Grund und Boden erlauben, 
so ist nichts erklärlicher, als daß kluge und betriebsame 
Leute sich auf die Bodenspekulation werfen, natürlich nur, 
um den Einwohnern ein recht angenehmes Heim zu schaffen. 
Kurz, der Kapitalismus hat sich auf den städtischen Grund 
und Boden gestürzt, nachdem er sich an dem ländlichen 
vorläufig gesättigt hatte. 
Es ist wirklich ein trostloses Bild, das uns die wirtschaft 
liche und soziale Entwickelung der Neuzeit bietet. „Lati- 
f'undia perdidere Romam et provincias“, heißt es auch heute 
wieder. Vom Lande vertrieben wandert die Bevölkerung 
in die Städte, um hier den pfiffigen Bodenspekulanten, 
Mietwucherern, welche auf den Zuzug lauern, in die Hände 
zu fallen. Elende Mietskasernen sind ihr Aufenthalt, wo 
Luft und Licht fehlen, wo kein Plätzchen für eine fröhliche 
Kinderschar ist, die sich ihrer Jugend in Frohsinn freuen 
könnte. 
In Deutschland hat sich eine zunehmende Wohnungsnot 
ungefähr seit den letzten zwei Jahrzehnten geltend gemacht. 
In dieser Zeit hat eine rapide Vermehrung von auf dem 
selben Grundstücke befindlichen Wohnungen, von Hof 
wohnungen, von Häusern mit vier und mehr Stockwerken 
stattgefunden. 
Doch auch reiche Leute ziehen in die Städte, aber das
	        
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