Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  Der  „große  Börsenkrach"  im  Jahre  1873.

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Papiere  um  jeden  Preis  zu  entledigen.  Von  allen  Seiten  stürmte  es  nun  heran.
Alles  wollte  losschlagen,  alles  kündigte,  alles  drang  endlich  auf  Übernahme  der  verpfändeten ­
  Stücke.  Angstklopfenden  Herzens  wartete  man  das  Resultat  des  7.  Mai  ab.
Dieser  entsprach  den  Voraussetzungen.  Das  Sterbeglöcklein  hörte  nicht  mehr  auf  zu
läuten.  Banken,  Häuser,  Faiseurs,  Agenten,  Millionäre,  Galopins,  Würdenträger
und  Schleppträger,  alles  war  unvermögend,  die  Papiere  zu  übernehmen.  Das  Auskunftsmittel, ­
  eine  Galgenfrist  durch  falsche  Hände  zu  gewinnen,  war  auch  nicht  mehr
lohnend:  wozu  sollte  man  die  Maske  noch  länger  tragen?  Die  Jnsolvenzerklärung
der  Börsen-  und  Kredit-  und  der  Bankerott  der  Kommissionsbank*)  machten
Sensation,  viel  mehr  als  begründet;  denn  wer  Augen  hatte,  muhte  den  Sturz  vorausgesehen ­
  haben.  Aber  für  das  Publikum,  für  die  öffentliche  Meinung,  für  den
„Nimbus"  war  es  der  Todesstoß.  Eine  „Bank"  bankerott!  Und  gar  zwei  auf  einmal. ­
  Die  Verwirrung  stieg  von  Stunde  zu  Stunde,  und  mit  ihr  die  Ratlosigkeit
der  Börsenkammer.  Zur  Krönung  des  Werkes  beschloß  diese  der  Börse  vorgesetzte
Behörde,  daß  die  Zahlung  der  Differenzen  verschoben,  daß  ein  Moratorium  zugestanden ­
  werde!
Man  antwortete  zwar  auf  die  betreffende  Gegenvorstellung,  daß  die  Kassiere
erklärt  hätten,  die  Verwirrung  sei  so  groß,  daß  sie  nicht  fungieren  könnten.  Das
hätte  die  Kammer  nicht  ernst  nehmen  dürfen.  „Wer  nicht  zahlt,  ist  insolvent",  mußte
es  heißen:  und  man  hätte  hundert  Insolvente  weniger  gehabt,  die  Wiener  Börse
aber  in  ihrer  Ehre  und  Position  unerschüttert  erhalten.
Am  10.  Mai  proklamierte  die  Börsenkammer  den  offiziellen  Börsenbankerott,
d.  h.  die  Sistierung  der  Differenz-  und  Zinsenzahlung,  die  Suspendierung  des  Geschäftes. ­
  So  alle  Tore  dem  Vertragsbrüche  und  der  Demoralisation  auftun,  wie  mit
dieser  Lizenz  es  geschehen,  so  die  ohnehin  gelockerte  Disziplin  des  Hauses  total  untergraben, ­
  das  hatte  niemand  erwartet  und  hat  niemand  gebilligt  als  etwa  die  dadurch
Zu  dem  Vorteile  des  Zeitgewinnes  Gelangenden.  Und  wozu  benutzten  sie  diesen
Zeitgewinn?  Darüber  nachzudenken,  ob  sie  in  Masse  desertieren  sollten  oder  aushalten ­
  und  bei  der  Fahne  bleiben.  Die  Wahl  fiel  manchem  schwer;  aber  die  großen
Beispiele,  die  Masseninsolvenzerklärung  von  Häusern,  die  man  im  Besitze  reichlicher
Mittel  wußte  oder  glaubte,  die  Auflösung  aller  Ordnung,  die  Trostlosigkeit  der  Lage  riß
auch  nicht  wenige  mit  fort,  welche  ohne  jedes  Moratorium  gewiß  standgehalten  hätten.
Und  doch  herrschte  in  vielen  Kreisen  noch  immer  eine  (zumeist  freilich  erheuchelte)
Nutze  und  Zuversicht.  Mit  Vertuschen  und  Verschieben  meinte  man  noch  in  der
Woche  vom  10.—17.  Mai  die  Katastrophe,  wenn  auch  nicht  aufhalten,  so  doch  zu
einem  sanften  Verlaufe  führen  zu  können;  wenigstens  meinten  es  die  zwischen  Leben
und  Tod  ringenden  Banken.  Die  vorsichtigeren  und  der  Gefahr  mehr  entrückten
Institute  aber  sahen  die  Hoffnungslosigkeit  unverschleiert.  So  schleppte  man  sich  noch
^in  paar  Tage  hin,  immer  näher  der  Erkenntnis,  daß  die  Dinge  einem  unabsehbaren ­
  Verfalle  zutrieben,  und  doch  sich  an  jedem  Hoffnungsstrahl  sonnend,  von  dem
u>an  gleichwohl  wußte,  daß  er  einem  künstlichen  Gasapparate  entströme.  Am
17-  Mai  ward  sogar  von  den  „Sommitäten"  der  Finanzwelt  die  Parole  ausgegeben,
bie  Krise  sei  auf  ihrem  Höhepunkte  angelangt  und  alles  kehre  zu  günstigerer  Wendung ­
  zurück.  Niemand  geringerer  als  das  Haus  Rothschild  selbst  war  es,  das  diese
Meinung  verbreitete  und  (wir  sind  der  Überzeugung)  sie  auch  teilte.  Wie  wenig
Berechtigung  diese  Anschauung  hatte,  sollte  bald  deutlich  werden.
Doch  schien  mit  Anfang  Juni  der  stärkste  Sturm  bereits  dahin  gebraust  zu  sein.
-0"  stürzte  plötzlich  die  Wiener  Wechslerbank,  eine  der  kühnsten  Börsenspielbanken,
unter  dem  Druck  des  Andranges  ihrer  Kassenschein-  (Depositen-)  Gläubiger,  zu-*)
  Ihre  Aktien  waren  am  17.  Februar  bei  40"/«  Einzahlung  140  notiert  gewesen!
            
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