thumbs : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Das  soziale  Gewissen.

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würde  insbesondere  ein  völliges  Verkennen  des  sozialistischen  Geistes  sein,  wenn  man
annehmen  wollte,  daß  seine  Apostel  von  dem  Altruismus  die  Verwirklichung  ihrer
Ideen  erwarteten.  Von  Karl  Marx  selbst  stammt  das  Wort:  „Die  Arbeiterklasse  hat
keine  Ideale  zu  verwirklichen."  Und  ein  sozialistischer  Literat,  Oskar  Wilde,  meint:
„Der  größte  Nutzen,  den  die  Einführung  des  Sozialismus  brächte,  liegt  ohne  Zweifel
darin,  daß  der  Sozialismus  uns  von  der  schmutzigen  Notwendigkeit,  für  andere  zu
leben,  befreit,  die  bei  dem  jetzigen  Stande  der  Dinge  so  schwer  auf  allen  Menschen
lastet."
Es  soll  nicht  geleugnet  werden,  daß  es  eine  Zeit  gab,  wo  die  soziale  Bewegung
der  Besitzenden  und  Gebildeten  zum  größten  Teil  in  Mitleid  wurzelte.  Es  war
damals,  wo  es  zum  guten  Ton  gehörte,  für  Hauptmanns  „Weber"  zu  schwärmen.
Heute  ist  es  aber  längst  nicht  mehr  der  nackte  Hunger,  der  die  soziale  Frage  erklären
kann.  Wir  haben  es  in  unseren  Tagen  mit  einem  energisch  aufsteigenden  vierten
Stande  zu  tun,  dem  es  fernliegt,  um  mehr  Brot  zu  betteln,  der  vielmehr  das  Leben
der  Gesellschaft  umformen  will.  Diesem  Streben  ist  Mitleid  eine  wenig  passende
Tugend,  für  die  namentlich  der  Arbeiter  selbst  nicht  das  nötige  Verständnis  haben
würde.  Die  emporsteigenden  Massen  sind  zu  stolz,  an  das  Herz  zu  appellieren,  nur  der
Verstand  gilt  ihnen  etwas,  von  ihm  erwarten  sie  alles.  Richard  Dehmel  verdolmetscht
dieses  proletarische  Denken  in  den  Versen:
„Was  meinst  Du  Sturm?  —  Hinab  Erinnerungen!
Dort  pulst  im  Dunst  der  Weltstadt  zitternd  Herz!
Es  grollt  ein  Schrei  von  Millionen  Zungen
Nach  Glück  und  Frieden:  Wurm,  was  will  Dein  Schmerz!
Nicht  sickert  einsam  mehr  von  Brust  zu  Brüsten
Wie  einst  die  Sehnsucht  nur  als  stiller  Quell,
Heut  stöhnt  ein  Volk  nach  Klarheit,  wild  und  grell,
Und  Du  schwelgst  noch  in  Wehmutslüsten?  ....
Hinab!  Laß  Deine  Sehnsucht  Taten  zeugen!
Empor,  Gehirn!  Hinab,  Herz!  Auf!  Hinab!"
Zugegeben  werden  muß  allerdings,  daß  mancher  auch  derer,  die  nicht  bewußt
aus  ihrer  Weltanschauung,  etwa  aus  den  altchristlichen  Ideen  ihre  Liebe  zum  Volk
herleiten,  doch  durch  die  äußeren  Umstände  zu  einer  Art  „Liebe"  zur  Masse  kommen.
Durch  die  „äußeren  Umstände":  Denken  wir  dabei  vor  allem  an  das  ethische  Wohlbehagen, ­
  an  die  Hochachtung,  an  die  Bewunderung,  die  heute  manche  unserer  Besitzenden ­
  und  Gebildeten  den  Arbeitern  entgegenbringen.  Die  Begeisterung,  die
Opferwilligkeit,  das  Vorwärtsstreben,  der  energische  Massenwille  .  .  .  ,  das  alles  imponiert. ­
  Namentlich  gefühlsvolle  Menschen  glauben  demgegenüber  ihre  Pflicht  zu
versäumen,  wenn  sie  sich  nicht  forttragen  lassen  von  dem  Strome  der  Begeisterung
und  statt  dessen  etwa  mit  nörgelndem  Verstände  den  frohgemuten  Kämpfern  in  den
Weg  treten.
Dieses  rückhaltlose  Bewundern  scheint  mir  indes  mit  der  Betätigung  eines
wahren  „sozialen"  Gewissens  wenig  gemein  zu  haben.  Der  wahre  Freund  des  Volkes
wird  sich  vielmehr  stets  von  den  Gedanken  leiten  lassen,  die  Gellert  in  die  Worte
kleidet:
„Wenn  mich  einer  schmeichelnd  preiset,
Mich  einer  lobet,  mir  nichts  verweiset,
Zu  Fehlern  gar  die  Hände  beut,
Der  ist  mein  Feind,
So  freundlich  er  auch  scheint".
Solche  Freunde,  die  nur  schmeicheln  und  nur  bewundern,  gehören  gewiß  nicht
zu  denen,  die  auch  in  der  Not  ihre  Freundschaft  bewahren.  R.  Baerwald  erzählt,  daß
            
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