1. Deutsche Handelspolitik am Anfange des 19. Jahrhunderts. 489
Verschiedenheiten. Die Uckermark und die Priegnitz hatten in manchen Beziehungen
verschiedene Tarife. 8006 Akzise- und Zollbeamten wachten über die Besteuerung
von 2775 belegten Artikeln. Es ist selbstverständlich, daß darunter der inländische
Handel ganz besonders litt, während andererseits Preußens ausländischer Handel da
durch gelähmt war, daß eine Menge von Produkten nicht ein- oder ausgeführt werden
konnten.
Was das Gewerbewesen Preußens anlangt, so fällt zwar in jene Zeit die Ein
führung der Gewerbefreiheit, und zwar für Preußen und Litauen 1806 und 1808,
für die ganze Monarchie 1810. Aber über die Wirkung dieser liberalen Maßregel,
die jedenfalls auf den Nationalgeist ihren heilsamen Einfluß ausübte, in wirt
schaftlicher Beziehung gibt es keinen Nachweis. Jedenfalls ist dem Urteil
Gustav Schmollers beizustimmen, daß die gewerblichen Gesamtverhältnisse sich zunächst
nicht viel geändert haben werden, weil sie unter dem Druck vieler anderer, mächtiger
wirkender Ursachen standen.
Wo wirklich Grcnzzölle statt der früheren Binnenzölle errichtet wurden, wie in
der Hauptsache in Bayern (1807), in Württemberg (1808), in Baden (1812), da
ging der Segen dieser volkswirtschaftlichen Tat wenigstens für Gesamtdeutschland da
durch verloren, daß sich nun die einzelnen deutschen Staaten zugleich mit dieser Maß
regel noch schroffer voneinander abschlössen. Im Gewerbewesen ward hier bis in die
zwanziger Jahre keine durchgreifende Änderung versucht.
Einen solchen Zustand traf die von Napoleon verordnete Kontinentalsperre, die
sich bekanntlich auf alle deutschen Staaten erstreckte. Es ist unmöglich, die zahllosen
Schikanen dieses Systems in Kürze klarzulegen: sie gingen parallel mit den politischen
Quälereien, welchen damals Deutschland völlig zu unterliegen drohte. Aber die
Wirkung dieser Maßregel läßt sich kurz nach zwei Richtungen hin verfolgen. Aus
der einen Seite wurden zwar einige Gewerbezweige gehoben, weil sie gegen Eng
lands industrielle Konkurrenz geschützt waren, ja es entstanden selbst neue Industrien,
die seit jener Zeit sich blühend erhielten, auf der anderen Seite aber kamen andere
nur in desto größere Verlegenheit. Denn dieses in seiner Art einzige Experiment ver
nichtete den Seehandel und machte den Bezug der Kolonialwaren und mancher nötiger
Rohstoffe unmöglich oder verteuerte ihn außerordentlich. Die Unternehmungslust, die
in Friedenszeiten vielleicht eine günstige Gelegenheit, sich von England zu eman
zipieren, ergriffen hätte, lag darnieder. Fehlte es doch in jenen recht- und ruhelosen
Zeiten an Geld, an Arbeitshänden und am wagenden Mut. Dazu blieben die Zölle
im Innern Deutschlands fortbestehen; Deutschland wurde mit französischen Waren
überschwemmt, während Frankreich sich den deutschen Erzeugnissen durch ein immer
schärfer ausgebildetes Prohibitivsystem verschloß.
Mit dem Sturze Napoleons fielen auch die Schranken, welche England in
industrieller Beziehung vom Kontinent getrennt hatten. Es war natürlich, daß die
Rückkehr des Friedens auch Leben, Bewegung und neue Schaffenslust in alle Zweige
der Industrie brachte. Aber das währte nicht lange. England suchte sogleich die im
Kampfe mit Napoleon gebrachten riesigen Opfer zu ersetzen: es war auch im wirt
schaftlichen Kampfe nicht unterlegen, sondern hatte vielmehr die Alleinherrschaft über
das Meer erlangt. Was war natürlicher, als daß die fast ein Jahrzehnt hindurch
zurückgehaltene Tätigkeit von Englands Handel und Industrie plötzlich losbrach wie
ein Strom, dessen Wasser lange ein Wehr beengte! Und welche Revolutionen hatten
sich unterdessen in der englischen Industrie vollzogen! Tausende von Maschinen hatten
sich ihr zur Verfügung gestellt, Verbesserungen aller Art hatten die Produktion ins
Massenhafte gesteigert. Und alle diese Massen englischer Produkte ergossen sich über
das offene Deutschland. Englands Handel nach dem Festlande soll sich dank dem
Absätze seiner wohlfeilen Massenprodukte schon im Dezennium von 1782—1792