Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6.  Fürst  Bismarck  als  Handelspolitiker.

499

Angabe  zu  versehen,  und  daß  ihr  Geschäftsbetrieb  schwer  geschädigt  werden  würde,
wenn  man  ihnen  dies  untersagte;  die  Folge  eines  solchen  Verbotes  würde  sein,  daß
sie  nicht  nur  den  englischen,  sondern  auch  den  deutschen  Markt  für  ihre  bessere  Ware
verlieren  würden,  da  man  auch  in  Deutschland  die  englische  Ware  vorzöge.
Trotz  langer  Debatten  kam  es  zu  keiner  Verständigung  zwischen  uns.  Die
Deputation  erkannte  wohl  an,  daß  die  deutsche  Industrie  selbstmörderisch  handelte,
wenn  sie  ihre  gute  Ware  als  fremdes  und  nur  die  schlechtere  als  eigenes  Fabrikat  auf
den  Markt  brächte,  sie  schob  die  Schuld  aber  auf  das  kaufende  Publikum,  welches  es
so  verlangte.  Wir  schieden  daher  im  Zwiespalt,  und  ich  glaube,  ich  wäre  nicht  wiedergewählt ­
  worden,  wenn  ich  mich  nochmals  zur  Wahl  gestellt  hätte.  Das  Verbot  hat
im  übrigen  gut  gewirkt,  wenn  es  auch  leider  nicht  in  voller  Schärfe  durchgeführt
wurde.  Es  hat  sich  seitdem  in  jenem  alten  und  berühmten  Jndustriebezirke,  wie
überhaupt  in  der  ganzen  deutschen  Technik,  schon  ein  Fabrikantenstolz  herausgebildet,
der  nur  gute  Ware  zu  liefern  gestattet,  und  man  hat  auch  vielfach  schon  eingesehen,
daß  in  dem  guten  Rufe  der  Fabrikate  eines  Landes  ein  wirksamerer  Schutz  liegt  als  in
hohen  Schutzzöllen.
Ein  wirksames  Zollschutzsystem,  welches  der  Industrie  den  Konsum  des  eigenen
Landes  sichert,  läßt  sich  überhaupt  nur  dann  konsequent  durchführen,  wenn  dieses
Land,  wie  z.  B.  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  alle  Klimate  umfaßt  und  alle
Rohprodukte,  deren  feine  Industrie  bedarf,  selbst  erzeugt.  Ein  solches  Land  kann  sich
gegen  jeden  Import  absperren,  vermindert  dadurch  aber  gleichzeitig  seine  eigene
Exportfähigkeit.  Es  muß  als  ein  Glück  für  Europa  betrachtet  werden,  daß  Amerika
durch  sein  prohibitives  Schutzzollsystem  die  gefahrdrohende,  schnelle  Entwicklung  seiner
Industrie  gehemmt  und  seine  Exportfähigkeit  verringert  hat.  Das  durch  hohe  Schutzzollbarrieren ­
  zerrissene  Europa  gewinnt  dadurch  Zeit,  die  Gefahr  seiner  Lage  zu  erkennen, ­
  die  ihm  den  Wettbewerb  mit  einem  zollfreien  Amerika  auf  dem  Weltmärkte
unmöglich  machen  wird,  wenn  es  ihm  nicht  rechtzeitig  als  merkantil  organisierter
Weltteil  gegenübertritt.  Der  Kampf  der  alten  mit  der  neuen  Welt  auf  allen  Gebieten
des  Lebens  wird  allem  Anscheine  nach  die  große,  alles  beherrschende  Frage  des  kommenden ­
  Jahrhunderts  fein,  und  wenn  Europa  seine  dominierende  Stellung  in  der
Welt  behaupten  oder  doch  wenigstens  Amerika  ebenbürtig  bleiben  will,  so  wird  es  sich
beizeiten  auf  diesen  Kampf  vorbereiten  müssen.  Es  kann  dies  nur  durch  möglichste
Wegräumung  aller  innereuropäischen  Zollschranken  geschehen,  die  das  Absatzgebiet
einschränken,  die  Fabrikation  verteuern  und  die  Konkurrenzfähigkeit  auf  dem  Weltmärkte ­
  verringern.  Ferner  muß  das  Gefühl  der  Solidarität  Europas  den  anderen
Weltteilen  gegenüber  entwickelt,  und  es  müssen  dadurch  die  innereuropäischen  Machtund
  Jnteressenfragen  auf  größere  Ziele  hingelenkt  werden.

6.  Fürst  Bismarck  als  Handelspolitiker.
Von  Magnus  Biermer.
B  i  er  m  e  r,  Fürst  Bismarck  als  Volkswirt.  2.  Aufl.  Greifswald,  Julius  Abel,  1899.  S.  17  ff.
Schmoller  hat  in  seinen  berühmten  vier  sozialpolitischen  Briefen  an  die  Berliner
Wochenschrift  „Soziale  Praxis"  gesagt,  Bismarck  stehe  in  volkswirtschaftlicher  Beziehung ­
  auf  der  Grenzscheide  zwischen  einem  manchesterlich  und  einem  sozialistisch
gefärbten  Zeitalter.  Mit  diesen  Worten  ist  die  dem  leitenden  Staatsmann  gestellte
Lebensaufgabe  in  nationalökonomischer  Hinsicht  ebenso  kurz  wie  treffend  charakterisiert. ­
  Alle  Kombinationen,  die  sich  aus  dem  Übergang  unseres  engeren  und  weiteren
Vaterlands  aus  einem  armseligen  und  zerfahrenen  volkswirtschaftlichen  Zustand  in  ein
32*
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.