Full text : Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung

Der  Kreislauf  d.  Wirtschaft  i.  seiner  Bedingth.  durch  gegeb.  Verhältn.  73

zwischen  Geld  und  andern  Gütern  vermittelst  eines  beliebigen
Preismaßes  ausdrückt,  wenn  man  also  gleichsam  für  den
Augenblick  zu  einer  andern  Währung  übergebt.
Der  Preis  des  Geldes  —  ein  Ausdruck,  der  durch  die
letzten  Sätze  vollkommen  definiert  ist  und  dessen  wir  uns
im  Folgenden  öfters  bedienen  wollen  —  beruht  also,  wie
jeder  andre  Preis,  auf  individuellen  Wertschätzungen.
Worauf  aber  beruhen  diese?  Die  Frage  drängt  sich  auf,
weil  uns  hier  beim  Gelde  die  einfache  Erklärung  fehlt,  die
bei  jedem  andern  Gute  in  der  Bedürfnisbefriedigung  liegt,
die  sein  Konsum  dem  einzelnen  Wirtschaftssubjekt  verschallt.
Wir  beantworten  die  Frage  nach  v.  Wieser 1  dahin,  daß  der
Gebrauchswert  des  Stoffgutes  allerdings  die  geschichtliche
Grundlage  abgibt,  auf  der  das  Geld  ein  bestimmtes  Tauschverhältnis ­
  zu  den  andern  Gütern  gewinnt,  daß  aber  sodann
sein  Wert  für  jedes  WiVtschaftssubjekt  und  sein  Preis  auf
dem  Markte  sich  von  dieser  Grundlage  entfernen  kann  und
tatsächlich  entfernt.  Zunächst  freilich  scheint  es  selbstverständlich, ­
  daß  weder  der  individuelle  Grenznutzen  noch  der
Preis  des  Goldes  als  Geld  sich  von  seinem  individuellen
Grenznutzen  und  seinem  Marktpreise  als  Gebrauchsgut
entfernen  kann.  Denn  wenn  das  eintritt,  so  wird  stets  eine
Tendenz  bestehen,  die  Differenz  durch  Ausprägung  von
„Gebrauchsgold“  oder  durch  Einschmelzen  von  Münzgold
zu  beseitigen.  Das  ist  richtig.  Nur  beweist  es  nichts.  Daraus
daß  ein  Gut  in  zwei  verschiedenen  Verwendungen  dieselben
Preise  erzielt,  kann  man  nicht  schließen,  daß  die  eine  Verwendung ­
  diesen  Preis  bestimme,  die  andre  aber  sich  lediglich
danach  richte.  Es  ist  vielmehr  klar,  daß  beide  Verwendungen ­
  zusammen  die  Wertskala  des  Gutes  formen  und  daß
sein  Preis  ein  andrer  würde,  wenn  die  eine  wegfiele.  Das
Geldgut  ist  in  diesem  Falle.  Es  dient  zwei  verschiedenen
Verwendungsmöglichkeiten  und  obgleich  gewiß  die  Grenznutzen ­
  und  die  Preise  in  beiden  gleich  hoch  stehen  müssen,
wenn  sich  das  Gut  frei  von  der  einen  zur  andern  bewegen

1  Schriften  des  Vereins  f.  Socialpolitik,  Referate  zur  Tagung  1909.
            
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