Full text: Die drei Nationalökonomien

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stimmen. Sonst hätte es nicht vorkommen können, daß man den 
Begriff des Idealtypus auf Erscheinungen, wie das Christentum oder 
den modernen Kapitalismus, also auf historische Individuen, angewandt 
hätte. Ein Individualbegriff kann doch nie und nimmer ein „Typus“ 
sein, und sei dieser noch so „ideal“. 
Die ziemlich dunkle‘ Lage wird, wie mir scheint, durch die 
schlichte Einsicht aufgehellt, daß man den Gegensatz: ideal. — real 
auf alle Begriffsarten gleichmäßig anwenden kann, also auf Indivi- 
Jualbegriffe, Gattungsbegriffe und Typen. 
Ein Ideal-Individualbegriff ist derjenige, der die. Wesenheit 
eines Individuums zum reinen Ausdruck bringt, dasjenige also, was 
ein Individuum sein könnte, wenn es seinem Wesen voll entspräche, 
ein Begriff, der die „Idee“ des Individuums erfaßt. Ein Real-Indi- 
vidualbegriff dagegen ist derjenige, der die „zufällige“ empirische 
Beschaffenheit des Individuums darstellt. Also etwa: der Begriff der 
Reichsbank, wie er dem Statut und den Absichten des Gesetzgebers 
entsprechen würde, und der Begriff der Reichsbank, wie diese in 
ainem beliebigen Jahre tatsächlich gestaltet ist. 
Nach demselben Verfahren kann man beim Gatiungsbegriff und 
beim Typus die Unterscheidung in Ideal- und Realbegriff vornehmen. 
Der reale Begriff wird in allen Fällen Abweichungen vom idealen 
Begriff aufweisen, die wiederum „typisch“ sein müssen beim Typus, 
dagegen Massenerscheinungen beim Gattungsbegriff und zeitliche Ab- 
weichungen beim Individualbegriff sind. 
3. Die Begriffe im System 
Nach einem bekannten Ausspruch Schmollers war es dessen 
Meinung (und diese Meinung darf als die herrschende angesehen 
werden), daß die Wissenschaft der Nationalökonomie entstände 
durch die Zusammenfassung der „nationalökonomischen Erschei- 
aungen‘“ zu einem System. Diese Auffassung ist doch wohl nicht 
haltbar. Danach müßte es „nationalökonomische Erscheinungen“ 
geben, deren wir uns nur zu bemächtigen hätten. Aber was sollte 
sie erzeugen? In Wirklichkeit liegt die Sache wohl umgekehrt: erst 
müssen wir ein nationalökonomisches System, d. h. eine Grundidee 
haben und dann erst können wir bestimmen, was eine mational- 
ökonomische Erscheinung ist. Für jeden (wissenschaftlichen) Be-
	        
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