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Gesellschaftslehre

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Bibliographic data

fullscreen: Gesellschaftslehre

Monograph

Identifikator:
178263682X
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-177433
Document type:
Monograph
Author:
Vierkandt, Alfred http://d-nb.info/gnd/118804472
Title:
Gesellschaftslehre
Edition:
2., völlig umgearb. Aufl
Place of publication:
Stuttgart
Publisher:
Enke
Year of publication:
1928
Scope:
XI, 484 Seiten
Digitisation:
2022
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Gesellschaftslehre
  • Title page
  • Contents
  • 1. Kapitel. Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft
  • Zweites Kapitel. Die Abstufungen der Gesellschaft (Gemeinschaft und "Gesellschaft")
  • Drittes Kapitel. Die Gruppe
  • Viertes Kapitel. Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe
  • Index

Full text

BC a ac | m I 
46 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
bige in naiven Verhältnissen nach Möglichkeit anzugleichen. Die antiken Mysterien 
mit ihrem ekstatischen Einswerden des Gläubigen mit der Gottheit sind bekannte 
Beispiele. Denselben Sinn haben aber auch die Kulttänze der Naturvölker, in denen 
Krankheits- oder Vegetationsdämonen dargestellt werden; oder die Mysterien höherer 
Religionen, in denen das Schicksal der Götter von ihren Verehrern im Bilde vor- 
geführt wird; zum Teil wohl auch totemistische und andere Riten, in denen Menschen 
als Tiere auftreten, denen man eine große Macht zuschreibt. Überall regt sich hier der 
Drang, mit dem Mächtigen eins zu werden, Anteil an seinem Wesen und dadurch 
auch an seiner Macht und seinem Schicksal zu bekommen oder sich wenigstens durch 
verehrungsvolle Fügsamkeit mit ihm gut zu stellen, ihn zu beschwichtigen und sich 
gutes Wetter zu sichern. Zu den Mitteln der inneren Vereinigung gehört auf primi- 
tiven Stufen auch schon die leibliche Aneignung durch Verzehren, 
Ein ausgezeichnetes Beispiel liefert ein Bericht über die Kriegsvorbereitungen 
bei Indianerstämmen Guayanas. Diese tanzen dabei den Jaguartanz, damit der Geist 
des Jaguars in sie einziehe; nur so, erklären sie, können sie den nötigen Mut und 
die erforderliche Wildheit für den Krieg gewinnen. Sie müssen dazu genau wie der 
Jaguar heulen und fauchen, genau so mit dem Arm die Keule schwingen, wie er die 
Pfote bewegt, und ebenso von dem getöteten Krieger das Blut trinken und das 
Fleisch fressen. (Reports of the Bureau of Ethnology, Bd. 58, S. 580.) Man sieht 
hier mit wundervoller Klarheit den Zusammenhang und die Verbundenheit von 
äußerer Angleichung, innerem Einssein und Aneignung der Überlegenheit. 
Auch unpersönlichen Gebilden wendet sich unser Verhalten zu. 
Wer in dem Gedanken von der Allmacht des Kampfes ums. Dasein oder vom guten 
Recht der Elbogenmoral schwelgt, der nimmt diese Tendenzen gleichsam innerlich 
in sich auf und verkörpert sie schon durch seine ganze Ausdrucksweise. — Aus 
dem magischen Gebiet gehören vielleicht Formen wie der Regen- oder Sonnenzauber 
hierher, sofern bei ihnen die Wolken oder die Sonne nachgebildet werden. 
Absichtlich ist im Vorstehenden vermieden worden, den geschilderten Zustand 
innerer Verbundenheit mit der verehrten Person als Zustand der Identifika- 
tion zu bezeichnen. Leider ist dieses Wort mit einer gewissen Unklarheit des 
Sinnes und einer gewissen Vieldeutigkeit behaftet, indem eine ganze Reihe verschie- 
dener Tatbestände darunter zusammengefaßt werden, von dem mindestens ein Teil 
noch wenig geklärt ist (wie der hypnotische Rapport oder das Totemvesen). Jeden- 
falls darf man das Wort Identifikation weder in diesem Fall noch in den oben 
angeführten Fällen dahin verstehen, als ob das eine Wesen sich mit dem andern ver- 
wechsele. In der Ekstase mag davon zu sprechen sein. Aber eine Verwechselung liegt 
nicht vor bei der Verehrung Erwachsener, auch nicht einmal bei den Nachahmungs- 
vorgängen des Kindes, bei dem die inneren Beziehungen zwischen ihm und dem 
verehrten Gegenstand viel enger sind: das Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit wird 
in beiden Fällen nicht aufgehoben, sondern höchstens absichtlich zurückgestellt. In 
allen diesen Fällen handelt es sich jeweilig um einen spezifischen Tatbestand enger 
Verbundenheit, wobei die verschiedenen Formen miteinander verwandt, aber nicht 
einander gleich sind. Am einfachsten begnügt man sich damit, sie in ihrer Eigen- 
art zu kennzeichnen, ohne einen besonderen Ausdruck einzuführen. 
Die Haltung der Unterordnung und die Nachbildung von innen heraus entfaltet 
sich in idealtypischer Reinheit innerhalb eines entsprechend rein 
ausgeprägten Gemeins chaftskreises, speziell Gruppenlebens, nach zwei Sei- 
ten: erstens gegen den Führer und zweitens gegen die Gruppe als Ganzes, wobei die 
legtere teils durch einige besonders angesehene, teils durch alle. Mitglieder repräsen- 
tiert wird und diesen nicht als Personen, sondern nur als Gruppenträgern jene Hal- 
sung entgegengebracht wird. — Außerhalb der eigenen Gruppe ist die
	        

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