Argentinien. nn
herrschen, wie schon Öfter ausgeführt, ungesunde wirtschaft-
liche Verhältnisse auf unsicherer Grundlage.
Man sollte. nun bei Betrachtung der ungeheueren Aus-
fuhrziffern, die doch lediglich auf der Landwirtschaft und
Viehzucht beruhen, glauben, daß .die hohen Preise für die
Landesprodukte auch in erster Linie der produzierenden
ländlichen Bevölkerung zugute kommen und eine breite wirt-
schaftlich kräftige Mittelschicht erzeugen müßten, die eine
Krisenzeit durchhalten könnte); tatsächlich sind es aber die
in den Städten wohnenden Vermittler, Unternehmer, Grund-
besitzer und Exporteure, die den Gewinn machen. Diese
sind nämlich in der Lage, nicht nur den Nutzen des Ver-
käufers, sondern auch den des Käufers an sich zu ziehen,
und zwar durch Bildung von Genossenschaften, während
die: einer solchen Organisation entbehrenden Produzenten
und auch die Konsumenten vielfach gezwungen sind, die Er-
zeugnisse ihrer mühsamen Arbeit wegen Mangels an Trans-
portmitteln um jeden Preis zu verkaufen und hohe Preise
zu bezahlen. Auf diese Weise wird das Leben der arbeitenden
Klasse in unverantwortlichem Maße verteuert, und es besteht
deshalb in Argentinien ein besonders‘ schroffer Gegensatz
zwischen dem durch das Gedeihen der großen Unterneh-
mungen erzeugten Wohlstand und der Armut, die sich ganz
unvermittelt gegenüberstehen, ohne das Bindeglied eines kräf-
tigen Mittelstandes.
Über diese schweren Schäden können die schönsten
statistischen Aufstellungen nicht. hinwegtäuschen, die ver-
Öffentlicht werden, um Argentiniens Aufblühen zu beweisen.
Das amtliche statistische Bulletin?) hat z. B. eine-Aufstellung
herausgegeben, in der die Verhältniszahl zwischen der Be-
völkerung und dem Gesamtwert der Aus- und Einfuhr der
verschiedenen Länder berechnet wird. Danach hat Argen-
tinien 103 P. G. Außenhandel auf den Kopf gegen 48 in
Deutschland, 35 in den Vereinigten Staaten und 43 in Frank-
reich. „Berücksichtigt man die besonderen Verhältnisse und
erwägt man, daß Argentinien ausschließlich nur eigene Pro-
dukte ausführt und sein ganzer Import im Lande selbst zum
Konsum kommt, so darf man wohl sagen, daß. dieses Land
mit seiner obigen Ziffer in Beziehung auf wirtschaftliche
1) Vgl. hierzu: Bericht des K. u. K. '‘Österr.- Ungar. Gen.-
Konsulats Buenos Aires 1906. — Export 1904 Nr. 11.
?) A few figures on the development of Argentine inter-
national trade 1906.
178