Object : Die Konsumtion

Haushaltsrechnungen.

135

Wir  ergänzen  danach  die  obigen  Tabellen,  die  nur  Prozentsätze  enthalten,  durch  eine
Uebersicht  der  absoluten  Ausgabenbeträge,  die  auf  die  umgerechnete  Kopfzahl
treffen.  Nach  dem  Maßstab  des  Statistischen  Reichsamts  auf  die  Einheit  des  erwachsenen ­
  Mannes  umgerechnet,  betrug  bei  391  ausgewählten  Familien  *)  die  Ausgabe ­
  in  Mark:

Familien  mit

für

einer  Gesamtausgabe ­
  von..  M.

Zahl

Nahrung

Wohnung  Heizung,  Kleidung
Beleuchtung

Sonstiges

Zusammen

unter  2000

224

363

120  32  76

102

693

2000—3000

111

441

178  39  144

211

1015

über  3000

56

522

294  49  218

390

1472

Nach  dem  früher  Gesagten  würden  sich  diese  Durchschnittssätze  beider  Tabellen ­
  etwas  differenzieren,  wenn  man  sozial  gleich  zusammengesetzte  Gruppen
nach  der  Ortsgröße  unterschiede;  in  der  Stadt,  besonders  in  der  Großstadt,
ist  sowohl  die  absolute  Ausgabe,  wie  die  Ausgabenquote,  für  die  Wohnung  bedeutend
erhöht,  und  sind  die  andern  Ausgaben  und  Ausgabequoten  zusammen  entsprechend
kleiner.  Auch  innerhalb  der  großstädtischen  Gruppe  steigt  die  Quote  der  Wohnungsausgabe, ­
  einigermaßen  parallel  der  Einwohnerzahl,  bis  fast  zum  Doppelten  an.  Und
dieselbe  Verschiebungstendenz  zeitlich:  trotz  gelegentlicher  Schwankungen  steigt
die  Quote  der  städtischen  Wohnungsausgabe  mit  dem  Zeitablauf  nicht  unerheblich  *  2 ).
Daran  mag  zum  Teil  der  zunehmend  großstädtische  Charakter  der  Städte  Schuld
sein,  zum  Teil  die  Verteuerung  des  Bauens  durch  steigende  Löhne  und  Materialpreise, ­
  zum  Teil  auch  die  neuerdings  bessere  Ausstattung  der  Wohnungen.  Aber
wenn  unlängst  für  Berlin  die  Mietsteigerung  einer  typischen  Arbeiterwohnung  (mit
einem  heizbaren  Zimmer  und  Küche)  1880—1910  auf  mehr  als  50  %  geschätzt 3 )
oder  die  Verteuerung  der  Wiener  Schulbauten  1877—93  auf  38%  berechnet 4 )  worden ­
  ist,  so  hat  die  bessere  Ausstattung  an  dieser  plötzlichen  Zunahme  doch  wohl
nur  einen  bescheidenen  Anteil.  Jedenfalls  geht  die  Mietsteigerung,  wenn  sie  richtig
geschätzt  ist,  über  die  gleichzeitige  Steigerung  der  Berliner  Lebensmittelpreise 5  *  * )
weit  hinaus,  obgleich  diese  letzteren  von  den  Mietpreisen  (z.  B.  Selbstkosten  des
Bäckers)  mit  abhängen.
In  Paris  hat  nach  L.  March,  dem  Chef  der  französischen  Statistik,  1824
bis  1908  die  Miete  sich  fast  verdreifacht,  der  Lebensunterhalt  im  ganzen  aber  durch
billigere  Ernährung,  Heizung  und  Beleuchtung  sich  verbilligt 8 ).  Im  20.  Jahrhundert
ist  dagegen  die  zunehmende  Verteuerung  des  Wohnens  zugleich  eine  Teilerscheinung
der  allgemein  abnehmenden  Kaufkraft  des  Geldes,  auch  gegenüber  den
andern  Bedürfnissen.  Die  Ursachen  dieser  allgemeinen  Teuerung  sind  an  anderer
Stelle  des  Lehrbuchs  zu  erörtern.  Ihre  Wirkung  ist  natürlich  ähnlich  der  einer
allgemeinen  Schrumpfung  des  Einkommens;  das  Engelsche  und  Schwabesche  Gesetz
machen  sich  in  dem  Sinne  geltend,  daß  vom  gleichen  Einkommen  eine  größere  Quote
als  früher  für  Nahrung  und  Wohnung  aufgewendet  werden  muß.  Soweit  diese
Teuerung  nur  der  Ausdruck  einer  „inneren“  Wertminderung  des  Geldes  ist,  also  nicht
4 )  Nämlich  denjenigen  der  Erhebung  von  1907,  die  aus  einer  Kasse  wirtschaften,  also
weder  Schlafgänger  noch  Dienstboten  noch  selbstverdienende  erwachsene  Kinder  haben.
2 )  Pohles  Einwand  (Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  1906,  S.  32  f.),  die  diesbezügliche ­
  Statistik  schnell  wachsender  Städte  werde  durch  die  zugezogenen  Elemente  getrübt,
fällt  gegenüber  der  obigen  These  schon  darum  nicht  ins  Gewicht,  weil  die  Zuzügler  schwerlich
eine  abnorm  hohe  Wohnungsausgabequote  haben.
3 )  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  139,  2.  Teil  (1912),
S.  4.  Nach  Emmy  Reich,  Der  Wohnungsmarkt  in  Berlin  von  1840  bis  1910  (1912),  S.  132
stieg  die  Durchschnittsmiete  einer  Wohnung  mit  einem  heizbaren  Zimmer  1880—1905  nur  von
191  auf  255  M.  =  34%.
4 )  Ebendort  Bd.  98,  S.  52.
s )  Ebendort  Bd.  139,  2.  Teil,  S.  50.
6 )  Influence  des  variations  des  prix  sur  le  mouvement  des  depenses  menagtres  ä  Paris,
Nancy  1910.  Zitiert  nach  p.  570  der  Revue  d’economie  politique,  1910.
            
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