III. Rationalisierung und Kunst
Seit Worringers grundlegenden Betrachtungen über „Ab⸗
straktion und Einfühlung“*), als Pole des künstlerischen Schaffens,
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Selbstgenuß und Abstraktion als dem Willen, die Einzelheiten zur
typischen Einheit zusammenzufassen. Das, was wir Kunstwissen⸗
schaft nennen, stellt eine fortwaͤhrende Auseinandersetzung zwischen
diesen beiden Tendenzen dar, die man Naturalismus und Stil
nennt. Beide Tendenzen sind ihrerseits Ausdrucksformen eines
einheitlichen Kunstwollens, das nach geheimnisvollen Gesetzen
bald als Einfühlung in das Einzelne, bald als Willen zu Erlösung
vom Einzelnen in die Erscheinung tritt. Die Einfühlung findet ihre
Erfüllung im Organischen, in der schönen Lebendigkeit der unzähligen
Formen, in die wir unser eigenes Lebensgefühl hineinversenken.
Die Abstraktion dagegen ist das Ergebnis jener „großen inneren
Beunruhigung des Menschen durch die Erscheinungen der Außen⸗
welt“xx), die uns alle beherrscht, ein Drang, „in der Betrachtung eines
Notwendigen und Unverrückbaren erlöst zu werden vom Zufälligen
des Menschenseins überhaupt, von der scheinbaren Willkür der allge⸗
meinen organischen Existenz“*xxx). Wo die Lebensbedingungen, die
klimatischen und sonstigen Verhältnisse, eine unmittelbare Vertraut⸗
heit des Menschen mit der Umwelt gestatten, sind die Epochen der
„Einfühlung“, des Naturalismus anhaltender, überdauert eine welt⸗
fromme Diesseitigkeit, die im Pantheismus, Polytheismus und
x) Wilhelm Worringer, Abstraktion und Einfühlung, Verlag Piper & Co.,
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*xx) Worringer, a.a.O., S. 9, 10.
xxx) Worringer, a.a.O. S. 31.