Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

102  Die  Eisenbahnen:  Bewegungswiderstände.
Es  dürste  hiernach  auch  nicht  unwahrscheinlich  sein,  daß,  wenn  dereinst  der  Gipsel  der
Jungfrau  durch  Zahnstange  und  Aufzug  der  Allgemeinheit  zugänglich  gemacht  werden  sollte,
mindestens  schwächliche  Personen  auf  ihm  unter  den  geschilderten  Krankheitserscheinungen  zu
leiden  haben  werden.  In  dem  Guyer-Zellerschen  Entwürfe  ist  für  das  Durchfahren  des
großen  Jungfrautunnels  eine  Fahrzeit  von  etwa  IZg  Stunden  vorgesehen,  eine  wohl  zu
kurze  Zeit,  um  in  ihr  den  Körper  dem  stark  verminderten  Luftdruck  anpassen  zu  können.  —
Bewcgungswiderstände.  Wir  wir  oben  sahen,  kommt  es  bei  einer  Bahn  wesentlich
aus  die  richtige  Wahl  ihrer  Steigungsverhältnisse  an,  da  hiervon  Anlage-und  Betriebs^
kosten,  also  die  Wirtschaftlichkeit  des  Betriebes  stark  beeinstußt  werden  und  die  Leistungsfähigkeit
der  Bahn,  ihre  Betriebsart  und  ihr  Charakter  abhängen.  Um  diesen  hochwichtigen  Punkt  klar
zu  legen,  bedarf  es  einer  kurzen  technischen  Erörterung  der  Grundlage  unseres  Eisenbahnwesens, ­
  der  Feststellung  des  zur  Beförderung  der  Fahrzeuge  nötigen  Aufwandes  an  Kraft.
Aus  ihr  wird  man  dann  auch  unschwer  die  wirtschaftliche  Überlegenheit  der  Eisenbahnen  über
andere  feste  Transporlstraßen  erkennen,  sowie  die  Bedingungen  ersehen,  die  die  Anlage  einer
gewöhnlichen  Schienenbahn  mit  glatten  Schienen  —  Adhäsions-  oder  Reibungsbahu  genannt
—  gestatten  oder  aber  den  Bau  einer  Zahnbahn  oder  gar  Seilbahn  notwendig  machen.  Wir
müssen  hierbei  die  Fahrzeuge  in  unsere  Betrachtung  einbeziehen,  da  Fahrbahn  und  Fahrzeug
in  Wechselwirkung  zu  einander  stehen  und  zusammen  untersucht  werden  müssen,  wenn  es  sich
um  Feststellung  der  Kraftverhältnisse  bestu  Befördern  der  Fahrzeuge  handelt.
Zur  Bewegung  von  Fahrzeugen  ist  eine  Kraft  nötig,  die  deren  Widerstand  überwindet.
Dieser  besteht  bei  Windstille  oder  mäßig  bewegter  Luft  und  langsamer  Fahrt  auf  gerader,
wagerechter  Strecke  aus  der  rollenden  Reibung  zwischen  Äadumfang  und  Fahrbahn
(=;  Rollwiderstand)  und  der  gleitenden  Reibung  der  Radachsen  in  ihren  Lagern  (—  Zapfenreibung). ­
  Rollwiderstand  und  Zapfenreibung  bilden  den  Eigenwiderstand  eines  Fahrzeuges. ­
  Er  hängt  ab  sowohl  von  der  Beschaffenheit  der  Bahn,  wie  von  der  des  Fahrzeuges
und  ist  um  so  kleiner,  je  ebener  und  härter  die  Fahrbahn  ist,  je  größer  die  Räder  und  je
glatter  und  besser  geschmiert  die  Achs-  oder  Radzapfen  sind.  Man  kann  ihn  für  mittlere
Berhältnisse  als  Bruchteil  vom  Gesamtgewichte  des  Fahrzeuges  und  dessen  Belastung  ausdrücken. ­
  Diese  Bruchzahl  heißt  der  Widerstandskoeffizient.  Bezeichnet  man  letzteren
nist  s,  und  wiegt  das  Fahrzeug  mit  seiner  Last  Q  Kilogramm,  so  ist  allgemein  der  Zugwiderstand ­
  oder  die  zum  Fortbewegen  des  Wagens  erforderliche  Kraft  P  in  Kilogrammen:
P  =  f  X  Q.  Je  kleiner  hiernach  f  ist,  eine  desto  größere  Last  Q,  kann  durch  dieselbe  Zugkraft ­
  P  befördert  werden,  f  fällt  für  die  verschiedenen  Fahrbahnen  und  deren  Beschaffenheit
sehr  ungleich  aus.  Man  kann  bei  Wagen  im  allgemeinen  als  Durchschnittswert  von  krechnen  für:
schlechte  Erdwege  1 / 5
mittelgute  ■  1 / (0
gute  >/ 20
makadamisierte  Landstraßen  V, 0 — 1 L 0
Asphaltbahn  7„o-Vao
gutes  Steinpflaster  7 e0 —775
Straßenbahnen  {  !  !  ]  ]  .'  !  !  !  !  [  fczfc
Eisenbahnen  7u<H7»*o
Auf  gutem  Steinpflaster  läßt  sich  hiernach  mit  derselben  Zugkraft  etwa  das  dreifache  befördern,
wie  aus  guten  Erdwegen,  auf  Pferdebahnen  das  zehn-  bis  zwölfsache  und  auf  Eisenbahnen
gar  das  25fache.  Diese  Zahlen  verdeutlichen  so  recht  den  Fortschritt,  der  im  Laufe  der  Zeiten
im  Verkehrswesen  gemacht  ist.  Sie  begründen  überzeugend  die  in  der  Einleitung  geschilderte
Thatsache,  daß  man  in  Deutschland,  Österreich  und  England  schon  frühzeitig  für  den  Kohlentransport ­
  die  Eisenspur  mit  Pferdebetrstb  wählte  und  sie  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  auch
auf  die  Güter-  und  dann  auf  die  Personenbeförderung  ausdehnte.  Sie  zeigen  ferner  schlagend
die  Überlegenheit  der  heutigen  Eisenbahnen  über  alle  anderen  Fahrbahnen.
Das  Gelände  läßt  aber  nur  selten  gerade  Gleisstrecken  zu.  Die  notwendig  werdenden
Gleiskrümmungen  zwingen  die  Fahrzeuge  zu  einer  stetigen  Richtungsänderung,  setzen  ihrer
Bewegung  also  ebenfalls  Widerstand  entgegen.  Dieser  „Kurvenwiderstand"  ist  naturgemäß^ ­
  um  so  größer,  je  schärfer  die  Gleise  gekrümmt  und  je  länger  die  Fahrzeuge  gebaut
sind,  je  weniger  Sorgfalt  ferner  auf  eine  gewisse  Beweglichkeit  der  Radachsen  gelegt  ist.
Gleisbögen  von  etwa  1200  m  Krümmungshalbmesser  auswärts  sind  jedoch  schon  so  flach,  daß
sie  kaum  noch  einen  nennenswerten  Widerstand  erzeugen.  Im  Flachlande  kann  man  den
Halbmesser  erheblich  größer  wählen  als  im  Gebirge,  wo  man  durch  die  anzufahrenden  Gesteinsmassen ­
  der  Bergsalten  und  Thalkrümmungen  oft  recht  beengt  ist.  Im  allgemeinen  nimmt
man  ihn  bei  Hauptbahnen
im  Flachlande  nicht  gern  unter  1000  m
„  Hügellande  „  „  „  600  „
„  Gebirge  „  „  „  300  „
Mitunter  ist  man  gezwungen,  ihn  wesentlich  kleiner  als  300  m  zu  nehmen  (vergl.  Abschnitt
„Oberbau").  Die  englischen  Bahnen  weisen  durchschnittlich  auf  freier  Bahn,  d.  h.  außerhalb
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.