444 Flußkanalisierungen: Nadelwehre.
Die wichtigste Forderung, die an ein brauchbares bewegliches Wehr gestellt werden
muß, ist zunächst die, daß es bei Hochwasser und Eisgang die notwendige Durchfluß
öffnung schnell, sicher und vollständig freigibt. Alle festen Teile müssen daher so an
geordnet sein, daß sie eine Verengung des Querprofils in keinem nennenswerten Umfang
herbeiführen. Vor allem muß eine feste Überbrückung, wenn sie zur Wehrkonstruktion
gehört, stets über dem höchsten Hochwasserstand liegen. Auch darf sie in keinem Falle
der freien Schiffahrt Erschwerungen auferlegen. Dieselben Anforderungen sind in Bezug
auf alle Teile des Wehres zu stellen, die an dieser Brücke befestigt sind und hochgezogen
werden können. Hinter den beweglichen Teilen dürfen im aufgerichteten Zustande sich
die Ablagerungen von Schlamm und Sand nicht so hänfen oder festsetzen, daß im ent
scheidenden Augenblicke eine gefährliche Verzögerung der Freigabe verursacht werden kann.
Die auf dem Boden umlegbaren Teile des Wehres dürfen nicht über die feste Wehrkrone
hervorragen, damit sie bei umgelegtem Wehre der Schiffahrt nicht hinderlich sind, und
damit Eisgang und etwa am Boden rollende feste Körper sie nicht beschädigen. Ihre
einzelnen Teile müssen ferner im niedergelegten Zustande so liegen, daß sich während des
Hochwassers ans oder zwischen ihnen keine erheblichen Schlamm- oder Sandablagerungen
bilden, da sonst die zum Aushub nötige Kraft so groß wird, als daß sie noch von leichten
Winden geleistet werden kann.
Außer den Anforderungen, die sich auf das Wehr hinsichtlich seiner Beweglichkeit
beziehen, sind noch andere im Schiffahrtsinteresse zu stellen. Hier soll nämlich das Stau
werk einen festen und möglichst dichten Verschluß gewähren, denn in den Sommermonaten
ist die Wassermenge mancher Flüsse so gering, daß jeder andere Abfluß als die unbedingt
zum Durchschleusen nötige Wassermenge und der Ersatz der Verdunstungsverluste in den
einzelnen Haltungen schon einen ungünstigen Einfluß für die Schiffahrt hervorrufen kann.
Je dichter also eine Wehrkonstruktion schließt, und je einfacher und daher billiger und
sicherer ihre Anlage und Bedienung sind, um so besser eignet sie sich für die Zwecke der
Flußkanalisierung.
Die gebräuchlichste Art beweglicher Wehre ist das Nadelwehr. Die Abb.447 u.448
veranschaulichen ein solches Wehr. In diesem Falle ist hinter dem Nadelwehr noch ein
Klappenwehr angeordnet. Die Abbildungen zeigen die Anlagen in dem Baustadium,
weshalb noch kein Wasser vorhanden ist. Die Stauwand des Nadelwehres besteht aus
dicht nebeneinander liegenden Hölzern von rechteckigem Querschnitt und ausreichender
Länge und Festigkeit. Diese, Nadeln genannt, stützen sich mit ihrem unteren Ende
gegen einen auf der Flußsohle im festgegründeten Wehrboden befindlichen Vorsprung,
mit dem oberen gegen den sogenannten Holm oder die Nadellehne, einem quer über den
Fluß gehenden Balken. Die Stütze des Holmes Bilben eiserne Böcke, die um eine wage
rechte Achse auf den Wehrkörper niederlegbar sind. Über sie wird eine Brücke gelegt,
um die Bedienung des Wehres zu ermöglichen. Der Holm, dessen Material ebenfalls
Eisen ist, besteht aus einzelnen Teilen, die so lang sind, wie die Entfernung der Böcke
von einander.
Die Freigabe der Öffnung beginnt damit, daß man den Nadeln entweder die untere
oder obere Stütze entzieht. Die erstere Art findet an den Wehren der oberen Oder
Anwendung. Ein oder zwei geübte Arbeiter heben jede Nadel einzeln mit geeigneten
Hebewerkzeugen so hoch, daß sie ihre Stütze gegen die Wehrkrone verliert. Das gänzliche
Abschwimmen wird durch einen Haken, der sich um den Holm legt, verhindert. Erst
nachdem die ganze Stauwand ausgehoben ist, findet die Bergung der Nadeln statt. Oder
man hat auch die einzelnen Teile des Holms um eine senkrechte Achse am Ständer
beweglich gemacht. Die Drehung wird durch Vorschieben einer Art Riegel gewöhnlich
verhindert. Naht Gefahr, so löst man diesen aus, und alle Nadeln zwischen zwei
Ständern sind mit einem Mal beseitigt. Damit sie nicht verloren gehen, sind sie unter
einander mittels einer Kette zusammengeschlossen. Das Auffangen dieser Bündel ist
daun leichter zu bewerkstelligen als das der einzelnen Nadeln. Nach Beseitigung der
Stauwand legt man, von einem Ufer aus anfangend, die Böcke und mit ihnen die darüber
führende Bedienungsbrücke auf die Flußsohle nieder.