Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

52 
Einleitung: Entwickelung des Verkehrswesens. 
Schmalheit der Straßen.allerdings eine Notwendigkeit gewesen sein mag, mußte natur 
gemäß die Wohnungsnot sehr gesteigert werden, da die Ausbreitungsfähigkeit der Städte 
unter dem unentwickelten Verkehrsivesen sehr leiden mußte. Wir wissen denn auch, daß 
die Wohnungsnot in manchen antiken Großstädten zu ebenso schlimmen, wenn nicht noch 
schlechteren Verhältnissen geführt hat, als in der Jetztzeit. 
In den antiken Städten, und so auch in denen des Römerreiches, dienten zum 
Personentransport die Sänften. Nur einzelnen hervorragenden Personen und Prieste- 
rinnen toar die Benutzung von Wagen gestattet. 
Aus der Zeit des Mittelalters liegen einige bemerkenswerte Mitteilungen über die 
Abwickelung des Personenverkehrs in den chinesischen Städten vor. In den hoch 
interessanten Nachrichten des kühnen venezianischen Reisenden Marco Polo über die 
Stadt Quinsai (jetzt Hang-tschou) ist eine Beschreibung des Fährverkehrs daselbst ent 
halten. Die Hauptstraße der genannten Stadt reichte von einem Ende zum anderen. 
Sie war auf jeder Seite zehn Schritte breit, mit Kieseln und Backsteinen gepflastert, 
während der zwischenliegende Teil mit Sand bedeckt und mit gewölbten Rinnen versehen 
war, um das Regenwasser in die benachbarten Kanäle zu führen, damit die Straße immer 
trocken blieb. Auf dem Sandstreisen fuhren beständig Wagen auf und ab. Dieselben 
lvaren lang und bedeckt und konnten sechs Personen aufnehmen. Die Vorhänge und 
Kissen waren aus Seide angefertigt. Männer und Frauen, die eine Luftfahrt machen 
wollten, mieteten die Wagen, von denen man eine große Anzahl dahinfahren sah. 
In den europäischen Städten kamen in dem späteren Mittelalter für den Personen- 
transpvrt wiederum Sänften zur Verwendung. Adelige und besonders vornehme Damen 
wurden mittels derselben zu Hof, zu Bällen und ins Theater getragen. Fast das ganze 
Mittelalter hindurch uud vielfach auch darüber hinaus ließen die Straßenverhältnisse 
sehr viel zu wünschen übrig. Erst ganz allmählich kam die Pflasterung der Straßen 
zur Durchführung. Selbst Städte wie Paris und London wiesen in dieser Beziehung 
sehr schlechte Zustände auf. So mußten beispielsweise in London noch um das Jahr 
1350, wenn der König nach dem Parlament fahren wollte, in die von den Wagen ein 
gefahrenen Geleise der Kingstreet Reisigbündel geworfen werden, damit der königliche Zug 
überhaupt sein Ziel erreichen konnte. Paris hat das erste Straßenpflaster im Jahre 
1184 unter Philipp II. erhalten. 
Während die Sänften früher von Frauen und schwächlichen Personen auch auf 
weiteren Strecken benutzt worden waren, wurden sie, als man bequeme Reisewagen bauen 
lernte, von den Landstraßen verdrängt. In den Städten war bis zum 19. Jahrhundert 
die Beförderung von Personen mittels Sänften sehr allgemein. In London und Paris 
standen auf den Plätzen numerierte Uaoünsx-vbairo und Uorts-ollaisss. In Frank 
furt a. M. wurden im Jahre 1709 die Stadttragstühle eingeführt. Auch in Mainz 
waren derartige Tragstühle sehr stark im Gebrauche. In letzterer Stadt betrug bei 
spielsweise der Tragelohn nach einem Orte außerhalb der Stadt oder nach Castel (auf 
der anderen Rheinseite) 24 Kreuzer. 
Im 18. Jahrhundert wurden zur Bequemlichkeit des Publikums in Wien und in 
anderen vornehmen Städten Chaisen oder Fiaker an bestimmten Stellen für die allge 
meine Benutzung aufgestellt. In Paris war dieses Beförderungsmittel bereits zur Zeit 
Ludwigs XIV. (1643—1715) zur Einführung gekommen. Berlin erhielt 1739 die 
erste öffentliche Fahrgelegenheit. Bis dahin war man daselbst mit Sänften ausgekommen. 
Die ersten fünfzehn Wagen ließ der König auf seine Kosten bauen und verschenkte sie 
an eine Gesellschaft von Fuhrleuten. Die Wagen hießen bis zum Jahre 1814 Fiaker. 
Dieselben waren olivfarben gestrichen und trugen hinten eine weiße Nummer. Innen 
tvaren die Wagen mit grauem Tuche ausgeschlagen; sie besaßen ein schwarzledernes 
Verdeck. Die Kutscher trugen Dreimaster und lange Schoßröcke. Die Taxe für die 
einfache Tour betrug vier Groschen. Die Wagen waren von morgens 6 resp. 7 bis 
abends 10 Uhr in Dienst. 
Einen vollständig anderen Charakter nahm der städtische Verkehr durch die Ein 
führung von Omnibussen an. Der erste Omnibus fuhr im Jahre 1819 durch die
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.